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Wachgeküsst

Einwurf Wachgeküsst

Am Ende war es dann einfach zu viel. Der Druck, den Marion Bartoli ausübte. Und vor allem der Druck, der auf Sabine Lisicki wirkte.

Marburg. Im Wimbledon-Finale war es so, als laste die Erwartungshaltung einer ganzen Sportnation wie ein Bleigewicht auf den Schultern der 1,78 Meter großen Berlinerin. Deutschland lechzt danach, wieder einen Boris Becker oder eine Steffi Graf zu haben. „Bum Bum Bine“, wie der Boulevard Lisicki taufte, schien die Erwartungen nach einem neuen Superstar endlich zu erfüllen.

Doch „nicht jeder kann das Gewicht der Welt tragen“, wie schon R.E.M. in „Talk about the passion“ sangen. Und so stand dann eben nicht die lockere Lisicki auf dem heiligen Rasen, die zuvor mit großer Leidenschaft Serena Williams und Agnieszka Radwanska aus dem Turnier befördert hatte. Da stand eine 23-Jährige, die - verständlicherweise - mit ihren Nerven zu kämpfen hatte. Beim Stand von 1:6 und 1:3 konnte sie während ihres Aufschlagspiels nur mit Mühe die Tränen der Verzweiflung zurückhalten, weil einfach nichts gelingen wollte.

Bartoli hingegen hatte ihre Emotionen in ihrem zweiten Wimbledon-Finale besser im Griff. Mit ausdrucksloser Miene wie Arnold Schwarzenegger in „Terminator“ spulte die Französin ihr Pensum ab und ballte roboterhaft wieder und wieder die Faust.

Lisicki wird an der Erfahrung wachsen. Und es sei daran erinnert: Auch Steffi Graf hat ihr erstes Wimbledon-Endspiel verloren, 1987 gegen Dauerrivalin Martina Navratilova. Für Lisicki bleibt als kleines Trostpflaster außerdem eine ganz außerordentliche Leistung: Sie hat den Tennissport in Deutschland wohl endgültig aus dem Dornröschenschlaf wachgeküsst.

von Holger Schmidt

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