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Soziale Ächtung

Einwurf Soziale Ächtung

Er will doch nur geliebt werden. Oder wenigstens respektiert für seine Leistungen. Wie bei seinem Tour-Sieg 1997. Damals flogen Jan Ullrich die Herzen der deutschen Sportfans nur so zu.

Marburg. Allerspätestens seit seinem halbgaren Blutdoping-Geständnis im „Focus“ weiß die Welt, dass es dabei nicht mit rechten Dingen zuging. Die Beweise lagen schon vorher auf dem Tisch, jetzt haben es alle noch einmal vom Sünder selbst gehört. Auf Vergebung kann Ullrich jedoch nicht hoffen. Viel zu lange hatte er geschwiegen, um jetzt auf diese plumpe Weise eine Woche vor Beginn der Frankreich-Rundfahrt sein Gewissen zu erleichtern. Außerdem beteuert er nach wie vor, nicht betrogen zu haben. Seine Begründung: Alle anderen hätten schließlich auch gedopt. Eine hanebüchene Sichtweise. Denn Ullrich hat sehr wohl betrogen, und zwar die Millionen Fans an der Strecke und an den Fernsehern.

Allerdings: Es wäre falsch, die Schuld allein Ullrich anzulasten. Als eher einfach gestrickter Sportler war er nur Teil der großen Maschinerie. Schuld waren die, die mit Armstrong, Ullrich und Co. Geld verdient haben. Auch diese Strippenzieher müssen zur Verantwortung gezogen werden. Schuld sind auch die Fans und Medien, die nach immer fantastischeren Leistungen gieren.

Eine Rechtfertigung für Ullrichs Verhalten ist das nicht. Doch seine härteste Strafe hat er längst erhalten: soziale Ächtung. Etwas Schlimmeres gibt es nicht für einen Leistungssportler, der von allen doch nur geliebt werden möchte.

von Holger Schmidt

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