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Liebe Leute,

Ortsdiener Karl Liebe Leute,

habt Ihr Euch auch schon immer gefragt, was passiert, wenn ein Soziologe auf einen Obdachlosen trifft? Nun, zumindest auf der einen Seite wird jede Menge analysiert.

Doch von vorne: Mein Kumpel Stephan berichtete mir, dass er von einem Mann angesprochen wurde, der dem Typus „Obdachloser mit Alkoholproblem“ entspricht. Wobei er gleich einschränkte: Das gebe nur seinen Eindruck wieder. Er wisse schließlich weder, ob der Mann obdachlos ist, noch, ob seine Alkoholfahne von einem „Alkoholproblem“ zeugt. Noch dazu sei das nicht wertend gemeint: Sowohl das Eine wie das Andere könne unter ungünstigen Umständen schließlich fast jeden treffen.

Zurück zur Geschichte: Der Mann fragte den Stephan, ob dieser 85 Cent für ihn habe: für eine Erbsensuppe von Aldi. Mein Kumpel war etwas verwundert über diese ihm bislang unbekannte Masche, zückte bewundernd einen Euro und machte sich daran, weiterzugehen.

Sein Gegenüber stoppte ihn mit den Worten: „Ich kann aber nicht wechseln.“ Was bei Stephan erneut für Verwunderung sorgte, da er ohnehin nicht davon ausgegangen war, dass es dem Mann um 85 Cent oder eine Erbsensuppe geht.

Er teilte ihm also mit, dass er das Wechselgeld behalten dürfe, und beide machten sich aus dem Staub. Beim Stephan fing es allerdings an, im Hirn zu rattern. Er erstellte eine Hypothese fürs Soziologie­seminar: Du weißt, dass die Ökonomisierung die Gesellschaft vollständig durchdrungen hat, wenn Marketinglogik in das Bettelverhalten der lokalen Obdachlosen eingedrungen ist.

Schritt eins der Marketingstrategie sei, dass man dem Kunden eine Story verkaufen müsse, die vermeintlich an sein Weltbild und die Wertvorstellungen andocke. Das Bild, das der Bettler vermutlich vor Augen hatte, sei das eines Kleinbürgers. Und der wiede­rum hätte es abgelehnt, wenn er nach einem Euro für ein Bier gefragt hätte. Wobei es dem Stephan wurscht gewesen wäre, da er nicht gerade als Moralapostel durch die Welt zieht und eher das Motto hat „Leben und Leben lassen“.

Wie dem auch sei: Für einen Kleinbürger ist eine Erbsensuppe für einen Obdachlosen „statusangemessen“. Die Frage nach Geld für Trüffel im Feinkostladen würde indes keinen Erfolg bringen. Nächster Einschub: Stephan hätte das wahrscheinlich witzig gefunden und die Kohle deshalb rausgerückt.

Schritt 2 der Marketingstrategie: Nach 85 Cent fragen in der Hoffnung, dass niemand im Portemonnaie rumkramt und die Münzen zusammensucht. Der Kollege hat also nach einem kleineren Betrag gefragt und im Endeffekt einen größeren bekommen - beim durchschnittlichen Spender erzeugt das ein Gefühl der Großzügigkeit. Und mein Soziologenfreund hatte was zu analysieren. Somit sind alle glücklich. Aber wirklich alle. Und nix für ungut,

Euer Ortsdiener Karl

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Von Redakteur Florian Lerchbacher