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Liebe Leute,

Ortsdiener Karl Liebe Leute,

ist der Zauberlehrling von Goethe oder von Schiller? Grolls Tommy fragte extra noch einmal nach, bevor er sich in einem Gespräch auf diese Ballade bezog. Nun: Von Goethe ist sie - der sie schrieb, als er im Dichterwettstreit mit Schiller lag.

Will jetzt mal versuchen, die Handlung so nachzuerzählen, dass jeder Neustädter sie sich merken kann. Kann bei Versmaß und Reimform dem guten Johann Wolfgang allerdings nicht das - für den echten Zauberlehrling eminent wichtige Element - Wasser reichen und versuche es daher auch nicht. In diesem Sinne:

Der Grolli hat zum Essenfassen, das Rathaus mittags kurz verlassen. Ein Bürger geht in seinen Raum: Den Haushalt machen, ist sein Traum.

Kohle, Kohle, schwarze Zahl, die Stadt braucht schnell viel Kapital. Es kann doch nicht so schwierig sein, den Schuldenberg zu machen klein.

Komm her, du alter Aktenschrank, vergilbte Seiten machen krank. Stehst seit Jahren in den Ecken, zum Leben werd ich dich erwecken. Nutze jetzt dein Potenzial und hilf mir finden Kapital. Kohle, Kohle, schwarze Zahl!

Der Schrank erwacht, es folgen Taten: Er spuckt aus Zettel voller Daten: Straßen voll mit Löchern sind, Betreuung braucht fast jedes Kind, Kreisumlage wird stets mehr, Kaserne steht dafür jetzt leer, im Rathausdach die Balken brechen, und keiner will dafür nun blechen. Im Bürgerhaus der Brandschutz schlecht, die Welt ist einfach ungerecht, denn auch die Technik ist defekt, fehlt nur noch, dass die Heizung leckt. Kohle, Kohle, schwarze Zahl, die Stadt braucht schnell viel Kapital.

Die Pflichtausgaben sind sehr viele, da helfen auch nicht Zahlenspiele. Der Schrank spuckt Zettel über Zettel aus, dem Bürger ist es bald ein Graus. Wie soll er Herr der Lage werden, bei all den Kosten hier auf Erden?

Will schnell das Rathaus er verlassen, davor dem Schrank ‘nen Tritt verpassen. Das Inventar, es schlägt zurück, das war‘s dann mit des Bürgers Glück. Es tun sich auf die nächsten Lücken: Marode sind die alten Brücken, das Bahnhofshaus geht gar nicht mehr, die Innenstadt steht leider leer. Dafür die Menschen sind am meckern, die Stadt soll klotzen und nicht kleckern. Hör auf, du blöder alter Schrank, die Last der Schulden macht mich krank. Land Hessen schick die Kohle rüber, sonst ist‘s mit Neustadt bald hinüber.

Die Tür springt auf, er kommt im Lauf: Der kleine runde Bürgermeister rasch verscheucht die bösen Geister. Der Grolli ist‘s im alten Kittel, will werben um viel Fördermittel. Der Schrank zurück in seinem Eck, erneut erfüllt still seinen Zweck. Versteckt die Ordner voll mit Zetteln, wegen derer all die Kämmerer betteln.

Und die Moral von der Geschicht‘: Verwechsle deutsche Dichter nicht. ‘ne Botschaft ist hier auch noch drin: Experte sein hat seinen Sinn.

Und nix für ungut,

Euer Ortsdiener Karl

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Von Redakteur Florian Lerchbacher