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Abschied von der Uhr

Ortsdiener Karl Abschied von der Uhr

ich geb‘s gerne zu: Als der liebe Gott die Neugier verteilte, hat auch Euer Karlemann zweimal aufgezeigt. Und die Neugier war‘s auch, die mich die Tage ins Marburger Landgericht trieb.

Ich stieg als stiller Prozessbeobachter gleich ganz oben ein: Schwurgerichtssaal. Das ist jener Raum, in dem sich die besonders schweren Jungs und leichten Mädchen für ihre Untaten verantworten müssen. 1. Große Strafkammer, Staatsanwalt, Angeklagter, Verteidiger, Publikum - alle da. Und dazu noch Freund Jojo aus unserem Städtchen im Zeugenstand. Hat er gut gemacht. Souveräne und flüssige Aussage zur Sache. Die Geschichte hat mich mächtig beeindruckt. Gericht und Staatsanwalt verbreiteten eine sachliche, sogar freundliche Atmosphäre - ganz anders als im Kino. Und doch bot die Hauptverhandlung einen Knalleffekt, den sich kein Regisseur hätte ausdenken können. Um 11.21 Uhr gab‘s einen großen Schlag mit erheblichen Nachscheppern. War da jemanden die Bombe aus dem Rucksack gefallen? Mitnichten. Die große Wanduhr war‘s, die ohne Vorwarnung zu Boden stürzte. Ein Wachtmeister barg deren sterbliche Überreste. Der Staatsanwalt sah keinen Straftatbestand und die Trauer unter den versammelten Juristen im Saal hielt sich in Grenzen. Der betagte Zeitmesser soll nämlich seine Arbeit nur sehr unzulänglich geleistet haben, ehe er so lautstark das Zeitliche segnete. Denke mal, dass er mit dieser Eigenschaft im Schwurgerichtssaal nicht unbedingt fehl am Platz war. Schließlich hat die Gerechtigkeit in einem Rechtsstaat viel, viel Zeit. Und das ist auch gut so. Nix für ungut,

Euer Ortsdiener Karl

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