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Der Terror verliert seine Monstrosität zum tage

Und schon wieder diese Bilder: Blaulicht, Blutüberströmte, Traumatisierte, Tote. All die Botschaften und guten Wünsche, all die Hoffnungen, dass das Jahr 2017 friedlicher als das vergangene werden möge, sie wurden schon in der Neujahrsnacht zunichtegemacht.

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Andreas Niesmann

Quelle: Werner Schuering

39 Tote, Dutzende Verletzte - das ist die blutige Bilanz des Anschlags auf einen Nachtclub im türkischen Istanbul. Das neue Jahr beginnt, wie das alte geendet hat - mit Terror.

Wirklich überraschend kommt das nicht. Terroristen halten sich nicht an Feiertage. Oder sie halten sich gerade daran. Das ist das Perfide an ihrer Strategie. Sie schlagen zu, wenn die Menschen am wenigsten damit rechnen. 17000 Polizisten sollten beim Jahreswechsel in der Türkei für ein Gefühl von Sicherheit sorgen. Am Ende reichte ein einzelner bewaffneter Attentäter, um das Gegenteil zu erreichen.

Istanbul, Berlin, Brüssel, Nizza - die Namen der Städte sind auswechselbar geworden. Niemand kann sich mehr ­sicher sein, nicht im nächsten Moment von einem Anschlag getroffen zu werden. Der Terror ist zu einer permanenten Bedrohung geworden.

So absurd, so zynisch das klingen mag - darin liegt auch eine Chance. Je alltäglicher der Terror wird, desto mehr seiner Monstrosität büßt er ein. Wir gewöhnen uns an die Bilder. Wir bekommen Routine im Abhalten der Trauerrituale. Und wir machen danach weiter wie vorher. In Berlin ließ sich das beobachten. Die Stadt trauerte nach dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt. Aber sie blieb gefasst. Eine Gesellschaft wie die deutsche lässt sich nicht durch Terror destabilisieren.

In der Türkei ist die Situation eine andere - vor allem weil Präsident Recep Tayyip Erdogan den Terror mit überzogenen Mitteln bekämpft. Er missbraucht den legitimen Kampf gegen Staatsfeinde, um politische Gegner, rechtsstaatliche Kräfte und Akteure der Zivilgesellschaft zu unterdrücken. In der Türkei wird die Demokratie mehr und mehr zur Fassade.

Davon ist Deutschland weit entfernt. Aber auch hierzulande wird der Terror instrumentalisiert. Von Flüchtlingshassern sowieso, aber auch von sogenannten Law-and-Order-Politikern. Regelmäßig fordern sie nach Anschlägen neue Befugnisse für Sicherheitsbehörden und nehmen damit die Beschneidung der Freiheitsrechte aller Bürger in Kauf.

Noch größer aber ist die Gefahr, dass wir abstumpfen. Dass wir die Zahl der Toten und Verletzten achselzuckend zur Kenntnis nehmen. Dass wir kein Mitgefühl mit ihnen entwickeln. Das darf uns nicht passieren. Mitmenschlichkeit und Mitgefühl zu zeigen ist oberste Pflicht. Das wäre ein guter Vorsatz für das Jahr 2017. Unabhängig davon, wie es weitergeht.

von Andreas Niesmann

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