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Zum Glück haben wir uns verändert

Zuwanderungsdebatte Zum Glück haben wir uns verändert

Man könnte meinen, irgendjemand wollte die Bundesrepublik auflösen oder an China verkaufen. "Deutschland wird Deutschland bleiben", beruhigt Kanzlerin Angela Merkel die Bürger, die CSU mahnt: "Deutschland muss Deutschland bleiben."

In Wahrheit steckt etwas anderes dahinter: Die Union will Menschen beruhigen, die sich vor Veränderungen fürchten.

Doch ist Unveränderlichkeit wirklich erstrebenswert? Bertolt Brecht hat das einmal in einer kurzen Geschichte dargelegt: „Ein Mann, der Herrn K. lange nicht gesehen hatte, begrüßte ihn mit den Worten: ‚Sie haben sich gar nicht verändert.‘ ‚Oh!‘, sagte Herr K. und erbleichte.“

Wenn Herr K. die Bundesrepublik ist, kann man sagen: Zum Glück hat sie sich in den vergangenen Jahrzehnten verändert. Deutschland hat seine Nazi-Vergangenheit weit hinter sich gelassen und die Teilung überwunden. Auch die gesellschaftlichen Werte haben sich gewandelt seit den Anfangsjahren, als Menschen scheel angeschaut oder benachteiligt wurden, weil sie ökumenisch heirateten, geschieden waren, uneheliche Kinder hatten oder homosexuell waren. Dazu kommt der technische Wandel: Wer heute einen Notarzt rufen will, zieht einfach sein Handy aus der Tasche, statt quer durchs Dorf zu laufen.

Die Frage ist daher nicht, ob Deutschland weiter Deutschland bleibt. Die Frage ist: Was soll so bleiben, wie es jetzt ist? Im Wahlkampf ist es beabsichtigt, dass die Formulierung „Deutschland muss/wird Deutschland bleiben“ dies der Fantasie des Einzelnen überlässt. Man kann den Satz entweder als hohle Phrase verstehen - oder als gut verschleierte Ausländerfeindlichkeit. Ohnehin kippt der deutsche Patriotismus meist in eines der beiden Extreme: Inhaltslosigkeit oder Rassismus.

Dabei lässt sich eigentlich in einem Satz sagen, was unser Land ausmacht: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. Auf diesen Satz können wir wirklich stolz sein. Gemeinsam mit Rechtsstaat und Demokratie taugt er als Leitkultur für unser Land. Allerdings zerbricht an diesen drei Werten der größte Teil dessen, was sich selbsternannte Vaterlandsverteidiger unter Leitkultur vorstellen. Deutschland wird Deutschland bleiben - aber es wird sich weiter verändern.

von Stefan Dietrich

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