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Wir eingebildeten Kranken

Konjunktur/Reallöhne Wir eingebildeten Kranken

Manchen Menschen scheint es nur gut zu gehen, wenn es ihnen schlecht geht. Sie jammern immerfort und sind geradezu enttäuscht, wenn ein Arzt feststellt, dass sie kerngesund sind.

Der typische Deutsche ist anscheinend genau so: ein Miesepeter mit Hang zur Hypochondrie. Jedenfalls ist hierzulande ständig von Krisen und riesigen Problemen die Rede. Dabei muss man eigentlich feststellen: Es geht uns gut - jedenfalls im Durchschnitt.

Wer daran zweifelt, muss nur Zeitung lesen: „Mieter können auf Erstattung für 2014 hoffen“, lautete die Schlagzeile vor elf Tagen. „Die deutsche Wirtschaft wächst solide“, hieß es am Mittwoch. Und: „Der robuste Arbeitsmarkt und die günstige Konjunkturentwicklung haben dem deutschen Staat im ersten Halbjahr 2015 einen Rekordüberschuss von 21,1 Milliarden Euro beschert.“ Heute lesen wir: „Reallöhne um 2,5 Prozent gestiegen.“ Hinzu kommt: Spritpreise und Arbeitslosenzahl sind niedrig, viele Branchen suchen händeringend Auszubildende, und dank des Mindestlohns sind die niedrigsten Einkommen zumindest etwas gestiegen.

Natürlich geht es nicht allen gut. Wer arbeitslos ist oder gerade eine hohe Abrechnung erhalten hat, kann sich nicht damit trösten, dass es den meisten besser geht. Und wer keinen Tariflohn erhält, hat nichts von höheren Lohnabschlüssen. Gute wirtschaftliche Kennzahlen bedeuten auch nicht, dass die Regierung alles richtig macht. Zum Beispiel öffnet sich die Schere zwischen Arm und Reich immer mehr.

Trotzdem: Insgesamt geht es Deutschland gut. Unverständlich ist deshalb, wie hartherzig wir auf die Not anderer reagieren. Die armen Nachbarländer Syriens nehmen fast ohne Klagen Millionen Flüchtlinge auf. In Deutschland dagegen lösen Asylsuchende bei vielen irrationale Abstiegsängste aus: Angeblich bekämen sie zu viel Geld vom Staat und nähmen Deutschen Wohnungen und Arbeitsplätze weg. Ähnlich egoistisch ist die deutsche Reaktion auf die Krise in Griechenland: Die sollen bloß alleine sehen, wie sie klarkommen, wir geben keinen Cent!

Deutschland ist ein wohlhabendes und starkes Land. Wir sollten darum Mitgefühl mit denen haben, denen es wirklich schlecht geht, statt uns selbst zu bemitleiden.

von Stefan Dietrich

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