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Weiße Fahnen, weiße Planen

Ukraine Weiße Fahnen, weiße Planen

Die Deutungshoheit über die vielen Fragen, die sich um die russischen und ukrainischen Hilfslieferungen ranken, lag in diesen Tagen allzu oft in den Händen von Karikaturisten und Satirikern.

Eine resignative Erkenntnis: Wo das politische Beurteilungsvermögen nicht mehr mitkam, sorgten allerhöchstens noch Zynismus und absurde Zuspitzung für Erklärungsansätze.

Nicht einmal die notleidenden Menschen in Lugansk und Donezk können ja wirklich sicher sein, was sich unter Putins weißen Lkw-Planen verbirgt - und viele von ihnen wissen vielleicht auch gar nicht, was sie nötiger bräuchten: Wolldecken, Milchpulver und Generatoren? Oder Kalaschnikows und Granatwerfer?

Gestern kam der Konvoi aus Moskau nun kurz vor der ukrainischen Grenze zum Stillstand, und es deutete zunächst wenig darauf hin, dass die Kolonne die letzten Kilometer bis Lugansk unter der Führung von OSZE- und Rotkreuz-Kräften würde zurücklegen können. Als gebrannte Kinder scheuen die OSZE-Beobachter mittlerweile Operationen ohne weitreichende Sicherheitsgarantien der Separatisten und Kiews. Und auch das Internationale Rote Kreuz übernimmt erst dann das Kommando, wenn verbrieft ist, dass die Lastwagen über einen sicheren Korridor ihr Ziel erreichen. Vergleichsweise unkompliziert scheint es sich da mit jenen Hilfsgütern zu verhalten, die Kiew auf den Weg geschickt hatte: Die gut 700 Tonnen Lebensmittel soll das Rote Kreuz vor den Toren von Lugansk übernehmen und dort verteilen.

Eine gute Voraussetzung dafür, dass die eine wie die andere Lieferung ankommt bei den Menschen in der Ostukraine, wäre wohl die Einstellung aller Kampfhandlungen. Zumindest vorübergehend. Doch die Regierung in Kiew, die darauf setzt, ihre „Anti-Terror-Operation“ zum Erfolg führen zu können, muss fürchten, dass das Schweigen der Granatwerfer als Zeichen der Schwäche gedeutet würde.

Hissen die prorussischen Separatisten die weiße Fahne, um die weiße Lkw-Kolonne passieren zu lassen, können sie nach dem Eintreffen der Hilfsgüter kaum noch auf die Sympathien der Zivilbevölkerung setzen - ein voller Bauch unter einer warmen Decke mag nicht mehr kämpfen.

Im fernen Moskau schließlich könnte das Kalkül so aussehen: Die Waffen schweigen, die Hilfsgüter kommen an, die Stimmung in der Ostukraine kippt spürbar gegen Kiew, während Russland seine Position stärkt und gleichzeitig als tendenzieller Friedensstifter dasteht.

Doch all das sind Mutmaßungen bis zu dem Moment, in dem sich in Lugansk die erste Plane hebt und die ersten Hilfsgüter verteilt sind. Selten hatte ein Lkw-Konvoi eine derartige Symbolkraft, selten umgab ihn eine solch düster-geheimnisvolle Aura.

von Carsten Beckmann

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