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Vom Ende der Welt

Neuer Papst Vom Ende der Welt

Schüchtern lächelnd betritt der neue Papst, Franziskus I., gestern die Bühne der Welt. Er winkt zaghaft, bittet die Gläubigen, für ihn zu beten, und sagt dann artig „Gute Nacht“. Keine großen Gesten.

Er strahlt Bescheidenheit aus, aber auch fröhliche Gelassenheit - Gottvertrauen eben. Ganz anders als der kühle Denker Ratzinger, der vor acht Jahren gegen den eigenen Willen den Stuhl Petri bestiegen hatte.

„Als Bischof vom Ende der Welt“ bezeichnet sich der Argentinier selbst. Als Fürsprecher der Armen bezeichnen ihn seine Kenner. Es ist ein Jahr der Premieren für die katholische Kirche. Das erste Mal in der Neuzeit tritt ein Papst zurück. Das erste Mal in 2000 Jahren wird kein Europäer Pontifex. Das erste Mal wird ein Jesuit Papst. Das erste Mal gibt sich jemand den Namen Franziskus. Vor allem Letzteres lässt erahnen, was wir in den nächsten Jahren vom kommenden Oberhirten der katholischen Kirche erwarten dürfen. Franz von Assisi, der Sohn reicher Eltern, wurde einst zu einem einfachen Mönch …

Als Erzbischof von Buenos Aires hat sich Franziskus I. als Gegner der Marktwirtschaft und politischen Elite und als Fürsprecher für Arme, Arbeitslose und Kranke eingesetzt. Dass dieser Papst vor allem die westliche Welt, die Wohlstandsnationen beharrlich daran erinnern wird, dass es andere Werte gibt als den Drang zu noch mehr Materialismus, darf man erwarten.

Füreinander da zu sein, die Schwachen nicht zu vergessen. Das ist das wichtigste Thema der Jesuiten, die sich einem Leben der Armut, Ehelosigkeit und des Gehorsams verschreiben. Vielleicht ist es auch das wichtigste Thema der katholischen Kirche. Viele Gläubige weltweit - etwa in Lateinamerika und Afrika - leben in ärmlichen Verhältnissen. Zweitrangig werden in Hinsicht auf diese Probleme dem neuen Papst wohl die Rufe nach Reformen in den westlichen Industrienationen erscheinen: Zölibat, Ökumene oder die Priesterweihe für Frauen. Franziskus I. - ein strikter Gegner der Homo-Ehe und Verfechter des Zölibats - wird vermutlich an anderen Schauplätzen kämpfen. So könnte die Wahl Franziskus I. zwar ein großer Schritt für die Weltkirche sein. Die Katholiken hierzulande dürfen wohl eher kleine Schritte erwarten.

von Tim Gabel

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