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Volles Risiko

SPD-Parteitag Volles Risiko

Am Ende gewann dieser Routine-Parteitag noch seine ganz eigene Dramatik. "SPD-Chef übernimmt die volle Verantwortung für Wahldesaster bei der Bundestagswahl", lief als Eilmeldung einer Nachrichtenagentur über die Bildschirme. Und nun? Rücktritt, Neuanfang?

Man muss sich nur die gewöhnlichen Mechanismen der Politik in Erinnerung rufen, um zu verstehen, wie ungewöhnlich ruhig die SPD mit einem Bundestagswahlergebnis von 25,7 Prozent umgeht. Die Wiederwahl des Parteivorsitzenden Sigmar Gabriel mit gerade 83,6 Prozent erscheint vor diesem Hintergrund in einem viel freundlicheren Licht - vor allem dann, wenn man auch die Ergebnisse seiner Stellvertreter betrachtet.

Da ist zum Beispiel Olaf Scholz. Der Mann aus Hamburg gilt als Widersacher Gabriels, hat in Berlin aktuell keine besonderen Ambitionen - und bekam dennoch ein bescheidenes Votum. Oder Hannelore Kraft: Für viele war sie schon das neue Machtzentrum der SPD. Vor zwei Jahren wurde sie noch auf dem Parteitag gefeiert, jetzt erhielt auch sie ein mageres „Arbeitsergebnis“. Wurde Kraft für ihren Schwenk in Richtung Große Koalition abgestraft - oder erschien sie als zu ehrgeizig? Die Deutungen sind vielschichtig, das Ergebnis aber ist klar: Parteichef Gabriel geht trotz eines bescheidenen eigenen Ergebnisses gestärkt aus dem Parteitag hervor.

Ein Grund zur Beruhigung ist das trotzdem nicht. Die Vorbehalte gegen die Große Koalition werden immer größer, je tiefer man in die Partei hineinblickt. Bei der Mitgliederabstimmung über den Koalitionsvertrag geht Gabriel noch einmal volles Risiko. Eine Alternative hat er nicht.

von Jörg Kallmeyer

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