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Vergesst die Opfer nicht!

Sexueller Missbrauch Vergesst die Opfer nicht!

Kein Verbrechen löst so große Wut aus wie sexueller Missbrauch. Wenn Männer vor Gericht stehen, die sich an Kindern vergangen haben sollen, wird sofort der Ruf nach harter Bestrafung laut.

Ganz im Gegensatz zu der riesigen Aufmerksamkeit, die die Öffentlichkeit den Tätern widmet, steht indes das Interesse für die Opfer. Ihr Vertrauen in andere Menschen ist zerstört, das Trauma verfolgt sie über Jahre. Doch kaum jemand macht sich darüber Gedanken, welche Hilfe sie brauchen.

So sind 13 von 16 Bundesländern nicht bereit, in den Hilfsfonds für Missbrauchsopfer einzuzahlen. Hessen ist eine rühmliche Ausnahme, doch es fehlen Millionen - wohlgemerkt nicht Milliarden, mit denen Politiker oft jonglieren. „Wenn bis Jahresende nichts passiert, ist Ebbe“, warnt der Beauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig. Der Fonds könnte dann Betroffenen die nötigen Therapien nicht mehr bezahlen.

Dieser Mangel an Solidarität und Menschlichkeit ist ein Skandal. Wo bleibt der öffentliche Aufschrei? Obwohl es nach Rörigs Schätzung eine Million Betroffene in Deutschland geben könnte, fehlt ihnen die Lobby. Das mag daran liegen, dass die meisten Missbrauchsopfer aus verständlichen Gründen nicht über ihr Trauma reden (können). Sie haben ihre schlimmen Kindheitserlebnisse über Jahre verdrängt. Wenn die seelischen Wunden wieder aufbrechen, gelten die Taten oft straf- und zivilrechtlich als verjährt. Dass jemand dann an die Öffentlichkeit geht und für die Interessen Betroffener eintritt - wie Markus Diegmann, dessen Geschichte diese Woche in der OP zu lesen war -, ist selten.

Die Politik darf die Missbrauchsopfer jedoch weder ignorieren, wie es die Länder tun, noch das Problem kleinreden, wie es das Bundesfamilienministerium macht. Der Missbrauch ist in dieser Gesellschaft passiert, auch wenn die Täter zum familiären Umfeld der Opfer gehörten. Deshalb muss die Gesellschaft - und damit der Staat - den Opfern nach Kräften helfen. Sie brauchen Therapien, zum Beispiel, damit sie wieder arbeiten können. Aber dabei geht es nicht um den wirtschaftlichen Nutzen einer erfolgreichen Therapie. Es geht um den Versuch der Wiedergutmachung für Menschen, denen großes Unrecht angetan wurde. Das Strafrecht allein kann dies nicht leisten.

von Stefan Dietrich

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