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Türkei A und Türkei B

Verfassungsreferendum Türkei A und Türkei B

Das Pendel kann zurückschlagen: Arbeitet die Zeit nicht am Ende doch für die Modernität?

Mit Töpfen und Kochlöffeln gingen junge Leute aus den liberalen Stadtteilen Istanbuls in der Nacht zum Montag auf die Straßen und schlugen Lärm. Ihr Klappern wurde bald erwidert, nicht nur als Echo von Häuserwänden, sondern von anderen Oppositionellen, die nach und nach mitmachten und von sich hören ließen. Es war ein Signal an die ganze Welt: Hey, liebe Mitbürger auf diesem Globus, blickt bitte auch mal an Präsident Recep Tayyip Erdogan vorbei, der dauernd das Bild verstellt.

Die ganz andere Türkei ist in der Tat noch da. Und Erdogan, der starke Mann, bietet hier und da ein verblüffend schwaches Bild, etwa in den drei größten Städten des Landes. In der 15-Millionen-Metropole Istanbul stimmte eine Mehrheit gegen seine Vorschläge, ebenso in Ankara und in Izmir. Auch an den Küsten, etwa in Antalya, gewann das Nein-Lager, teils mit mehr als 60 Prozent. Ist dies schon der „Anfang vom Ende der Ära Erdogan“, wie Can Dündar meint, der nach Deutschland geflohene frühere Chefredakteur der türkischen Zeitung „Cumhuriyet“? Erdogans knapper Sieg jedenfalls ist umgeben vom Geruch des Ländlichen.

Je höher der Bildungsgrad der Menschen ist und je größer ihre Weltoffenheit, umso weniger suchen sie das Heil im Nationalen. Dies konnten Soziologen schon nach dem Brexit-Referendum und nach der Trump-Wahl zeigen. In der Türkei ist nun abermals eine provinzielle Revolte gegen die Moderne zu besichtigen: Menschen, die sich für Verlierer halten, sind von machtgierigen Populisten in ihren Ängsten bestärkt und als Stimmvieh missbraucht worden.

Solche Manöver mögen glücken. Doch das Pendel kann zurückschlagen: Gehört die Zukunft wirklich den Rückwärtsgewandten? Arbeitet die Zeit nicht am Ende doch für die Modernität? Deutsche und Europäer jedenfalls sollten jetzt Besonnenheit mit Selbstbewusstsein kombinieren. In den Regierungszentralen muss man mehrdimensional denken, man braucht eine Politik für die Türkei A und eine für die Türkei B. Erdogan und seine Leute müssen eingedämmt, die weltoffenen Türken dagegen ermutigt werden.

Der Hebel zur Beeinflussung des weiteren Geschehens in Ankara liegt im Ökonomischen. Alle wirtschaftlichen Erfolge, mit denen Erdogan in der Vergangenheit glänzte, hat er durch Zusammenarbeit mit der EU erreicht, nicht gegen sie. Was will er jetzt tun? Die Todesstrafe einführen, Galgen errichten? Neuerdings ziehen sich europäische Investoren aus der Türkei zurück, die Arbeitslosigkeit steigt. Eine selbstbewusste EU darf ruhig kommunizieren, woran es liegt. Mehr denn je, so wollte es Erdogan ja ausdrücklich, ist künftig der Präsident persönlich verantwortlich für alles, was in der Türkei geschieht.

von Matthias Koch

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