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Schwerstkranke brauchen Hilfe

Sterbehilfe-Debatte Schwerstkranke brauchen Hilfe

Es sind zutiefst moralische Frage, an die sich das Parlament jetzt heranwagt: Kann aus dem Recht auf Leben auch der Zwang zu einem leidvollen Sterben abgeleitet werden?

Beinhaltet die unantastbare Würde des Lebens auch die Forderung nach einem Sterben in Würde? Dürfen Ärzte Schwerstkranken, für die es keine Heilung oder auch nur Linderung gibt, helfen, bei ihrem Wunsch zur Beendigung des eigenen Lebens helfen? Und wenn ja, wie weit darf diese Hilfe gehen? Wie kann Missbrauch, etwa durch dubiose Sterbehilfevereine, verhindert werden? Muss der Gesetzgeber überhaupt diese ganz intimen, ganz persönlichen Fragen regeln, wenn es an das Sterben geht?

Es ist gut, dass sich das Parlament nun gar nicht anmaßt, in all diesen Fragen klüger, weiser zu sein als die übrige Gesellschaft. Und es ist lobenswert, dass der Deutsche Bundestag das bislang mit vielen Tabus belegte Thema öffentlich macht. Allein dies ist schon ein Wert an sich. Denn es geht, so oder so, jeden an. Das Sterben gehört zum Leben dazu. Sterben und Vergänglichkeit sind nicht schick. Doch jeder möchte, dass sein Sterben möglichst ohne langes Leiden, ohne qualvolle Schmerzen zu Ende geht.

Es sind schwierige moralische und rechtliche Fragen zu erörtern, denen sich die 600 Bundestagsabgeordneten nun gleichsam stellvertretend für alle Bürger stellen wollen. Fertige Antworten hat niemand, auch wenn sich bereits die ersten Gruppen formieren. Die einen wollen ein strafbewehrtes Verbot für jegliche Beihilfe zum Suizid, andere halten dieses scharfe Schwert für den falschen Weg. Wieder andere lehnen jedwede gesetzliche Regelung ab. Es geht auch um einen Selbstverständigungs-, Selbstfindungsprozess. Einig ist man sich zumindest im Verbot von geschäftsmäßiger Sterbehilfe. Mit dem Sterben dürfen keine Geschäfte gemacht werden.

Wichtiger als neue Gesetze sind jedoch wirkliche Hilfen, Beratung für die betroffenen unheilbar Schwerstkranken und ihre Angehörigen. Die Palliativ- und Schmerzmedizin hat große Fortschritte gemacht. Doch ihre Leistungen werden längst nicht flächendeckend angeboten. Auch gut ausgestattete und solide finanzierte Hospize, die die Menschen auf dem letzten Abschnitt ihres Lebens begleiten, gibt es viel zu wenige. Ja, würdevolles Sterben kostet auch mehr Geld. Diese Forderungen gelten genauso für Menschen, die im Alter allein sind, die sich in psychisch auswegloser Lage zu befinden glauben und nun den Ausweg nur noch in der Selbsttötung sehen. Es darf bei aller Liberalisierung nicht zu einem Dammbruch, nicht zum gesellschaftlichen, nicht zum familiären Druck kommen, sich selbst umzubringen. Und sei es nur, um den anderen nicht mehr zur Last zu fallen.

von Reinhard Zweigler

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