Volltextsuche über das Angebot:

12 ° / 7 ° Regenschauer

Navigation:
Schädliches Parteiengezänk

Gauck-Nachfolge Schädliches Parteiengezänk

Das Bedauern im politischen Berlin war echt: Mit Joachim Gaucks Verzicht auf eine Wiederwahl steht eine schwierige Nachfolgersuche bevor. Gauck hat sich vor allem aus zwei Gründen großen Respekt erworben.

Erstens hat er dem Amt des Bundespräsidenten die Würde zurückgegeben, nachdem seine zwei Vorgänger Horst Köhler und Christian Wulff unter großem öffentlichen Druck zurückgetreten waren. Zweitens ist Gauck kraft seiner würdevollen Amtsführung ein Fels in der politischen Brandung geworden, der Sachlichkeit in heftige Debatten bringt. Beides gelang ihm, weil er einerseits als ehemaliger Bürgerrechtler eine respektable Persönlichkeit ist, andererseits aber nicht als „einer von denen da oben“ wahrgenommen wird.

Gaucks Eintreten für Freiheit, Demokratie und Menschenwürde ist stets glaubwürdig. Deshalb braucht Deutschland gerade jetzt einen wie ihn. In der Fluchtkrise sind tiefe politische Gräben aufgerissen, ein Teil der Wähler wendet sich Populisten und Extremisten zu. Auch Gaucks Nachfolger wird daher kein Grüßaugust sein, sondern eine wichtige Aufgabe erfüllen müssen.

Doch was Gauck in fünf Jahren mühsam repariert hat, beschädigen die Parteien nun erneut. Gerade weil der Bundespräsident nicht direkt vom Volk gewählt wird, sollte er von einer breiten Mehrheit getragen werden. Auf keinen Fall darf die Wahl das Ergebnis von Parteienzwist und Wahlkampfstrategien sein. Genau das droht aber: Die Union will keinen SPD-Kandidaten mittragen, SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann zeigt umgekehrt der Union die rote Karte. Die Linke wiederum will die Wahl nutzen, eine rot-rot-grüne Koalition vorzubereiten. Wie will man auf diese Weise den Präsidenten aller Deutschen wählen?

Selbstverständlich sind wir alle gespannt, wer Gaucks Nachfolger wird. Man darf über dieses Thema reden, aber es sollte nicht im Parteiengezänk enden. Ausgerechnet SPD-Chef Sigmar Gabriel, sonst ein großer Dampfplauderer, hat dazu gestern etwas Vernünftiges gesagt: „Mein Rat ist, jetzt, wo alle spekulieren, sollten wir mal nix sagen.“

von Stefan Dietrich

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Der politische Kommentar