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Radikalisiert man sich selbst?

Terror Radikalisiert man sich selbst?

Spätestens seit der Axt- und Messerattacke eines jungen Asylbewerbers in einem Würzburger Zug sowie der Lkw-Amokfahrt an der Strandpromenade von Nizza hat sich der Begriff der Selbst-Radikalisierung öffentlich etabliert.

Gewaltforscher und Kriminologen befassen sich mit dem Phänomen seit Jahren, und während die Fachleute die Prozesse durchleuchten, die zu einer Radikalisierung führen, beschränkt sich die öffentliche Wahrnehmung in der Regel auf das, was radikalisierte Menschen in der für sie letzten Konsequenz tun: jene unfassbaren Gewalteskalationen, die dazu führen, dass wir alle resignierend sagen: Sicher können wir uns im öffentlichen Raum nirgendwo mehr fühlen.

Das mag so banal wie wahr sein, jedoch liegt dieser Feststellung eine Problematik zugrunde, die sich nicht allein auf die Gruppe junger Asyl­bewerber beschränkt. Menschen, die über längere Zeiträume das Gefühl haben, mit ihren existenziellen Problemen gesellschaftlich nicht wahrgenommen zu werden, entwickeln eine verhängnisvolle Kette von Emotionen: Hilflosigkeit, Frustration, Perspektivlosigkeit, Verzweiflung, Wut, Hass, Selbstaufgabe. Warum werfen Jugendliche Gullydeckel von einer Autobahnbrücke? Warum werden junge Menschen zu Brandstiftern? In den meisten Fällen, weil sie sich lange genug ausgegrenzt, ignoriert, vernachlässigt und benachteiligt gefühlt haben, um nur noch in einer finalen Gewalttat noch Sinn zu sehen.

Was im Fall des Würzburger Angreifers in dieser Hinsicht falsch gelaufen sein dürfte, deutete Bayerns Innenminister Joachim Herrmann an, als er berichtete, dass der letztlich von der Polizei erschossene 17-jährige Angreifer bereits im Juni vergangenen Jahres nach Deutschland eingereist war, seitdem jedoch ein Jahr lang nicht angehört wurde. Niemand wird ernsthaft behaupten wollen, dass eine derart lange Verfahrensdauer im Toleranzbereich liegt. Wer verhindern will, dass man junge Menschen der „Selbst-Radikalisierung“ überlässt, muss schnellstens alles dafür tun, dass das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge dem guten Willen zu optimalem Arbeiten auch Taten folgen lassen kann. Damit wäre zumindest die bürokratische Voraussetzung dafür geschaffen, Menschen möglichst schnell sagen zu können, ob sie eine Bleibeperspektive haben.

Flankierend braucht Deutschland weitaus größere Anstrengungen im Zusammenhang mit der Betreuung gerade junger Erwachsener und Minderjähriger, die in der Hoffnung auf eine menschenwürdige Existenz in Europa ihre Heimat verlassen haben.

Die Annahme, junge Asylbewerber radikalisierten sich ohne Not und aus schierer Faszination für den verabscheuungswürdigen IS-Terror, ist jedenfalls eine Spur zu billig.

von Carsten Beckmann

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