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Positive Kräfte

Jahreswechsel Positive Kräfte

Noch ein paar Stunden, dann ist das Jahr 2016 Geschichte. Viele werden froh darüber sein, denn es kostete ausnehmend viele geachtete oder liebgewonnene Menschen das Leben - sein Verlauf stellte auch Einsichten infrage, über die bislang Einigkeit bestand.

Zum Beispiel, dass ein vereintes Europa Garant für mehr als 70 Jahre Frieden ist und nicht einfach aufs Spiel gesetzt werden darf. Und dass Herausforderungen, die ein einzelnes Land überfordern, gemeinsam bewältigt werden müssen.

Dass diese Selbstverständlichkeiten so selbstverständlich schienen, dass wir vergaßen, sie als Kern der europäischen Gemeinschaft angemessen zu hegen, ist offensichtlich. Eine Folge davon war der Flüchtlingszustrom, der die Versäumnisse der EU-Mitglieder gnadenlos offenlegte. Und ihre verschiedenen Auffassungen darüber, was Solidarität heißt und ob man nicht nur die Vorteile nutzen dürfen und die Nachteile ablehnen können sollte. Es gehört nicht viel Lebenserfahrung dazu, um diese Fragen zu beantworten, doch auch Gewissheit und Argumente sind heute mitunter chancenlos gegen das starke Gefühl, recht zu haben.

Politiker, aber auch die Medien werden inzwischen deutlich kritischer beäugt, nicht mehr alles hingenommen, was geschrieben und geredet wird und wurde. Das ist gut. Und es wäre für unsere Gesellschaft vielleicht die bemerkenswerteste, die beste Entwicklung in den zurückliegenden Monaten gewesen - wenn es nicht zugleich zu vielen falschen und teilweise ungerechtfertigten Vorhaltungen geführt hätte. Denn Politiker machen Fehler, Journalisten machen Fehler - wie alle Menschen. Es fällt aber bei öffentlich handelnden Berufsgruppen besonders auf. Und auch wenn es dem, der Fehler vorgehalten bekommt, unangenehm ist: Das ist nichts Schlechtes - solange man die richtigen Schlüsse zieht.

Indem man auf der einen Seite aus Fehlern lernt und sich auf der kritisierenden Seite nicht abwendet und Verschwörungstheorien konstruiert. Sondern überlegt, welch naheliegenderen Gründe es geben könnte. Etwa Einsparungen angesichts sinkender Erlöse in der Medienbranche. Mehr und besser ausgebildete Journalisten - und damit Qualität - werden zuallererst durch ausreichend (von Lesern, Hörern und Zuschauern) finanzierte Medien gefördert. Auch die Politik kann Wandel brauchen. Weitere Menschen, die darauf brennen, Gesellschaft zu gestalten - die kritik- und lernfähig sind. Parlamente brauchen Uneigennützigkeit und Vielfalt in Lebensläufen. Vielleicht setzt der Schock über die zuletzt erfolgreiche Politik der einfachen Wahrheiten ja auch positive Kräfte frei. Dann hätte 2016 doch noch die Chance, in besserer Erinnerung zu bleiben. Und 2017 den Vertrauensvorschuss, den es verdient.

von Michael Agricola

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