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Pokerspiel auf Leben und Tod

Griechenland Pokerspiel auf Leben und Tod

Und täglich grüßt das Murmeltier: Dem Zeitungsleser, Radiohörer und Fernsehzuschauer geht es wie dem Protagonisten der US-Filmkomödie, der in einer Zeitschleife gefangen ist. Bloß ist es nicht das Murmeltier, das einem seit Wochen täglich begegnet, sondern die griechische Schuldenkrise.

Immer wieder heißt es, die Zeit für Griechenland werde nun wirklich knapp. Die Regierung von Alexis Tsipras habe noch eine allerletzte Chance, den internationalen Geldgebern - Internationaler Währungsfonds, Europäische Zentralbank und Europäische Union - endlich eine überzeugende Reformliste vorzulegen. Man habe sich angenähert, aber wenn die Knackpunkte nicht rasch geklärt würden, drohe die Staatspleite.

Zweifellos steht Griechenland finanziell am Abgrund. Doch offensichtlich dient das stetige Beschwören der Untergangsszenarien beiden Seiten auch dazu, sich gegenseitig unter Druck zu setzen. Die lange Hängepartie gehört ebenso zur Strategie wie wechselseitige Schuldzuweisungen. „Es liegt jetzt ausschließlich an der griechischen Seite, auf das großzügige Angebot der drei Institutionen einzugehen“, lässt Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble mitteilen. Tsipras kontert großspurig, seine Regierung werde „geduldig warten, bis die Institutionen in der Realität ankommen“.

In dem harten Poker scheinen einige Spieler zum Höchsteinsatz bereit: ein Scheitern der Gespräche und eine Staatspleite zu riskieren. Aus Athener Sicht ist das zwar verantwortungslos, aber nicht unlogisch. Denn die Regierung kämpft selbst ums Überleben: Das Land hat einfach kein Geld mehr und die Mehrheit der Bevölkerung lehnt Kürzungen ab. Brechen Tsipras und Co. jetzt ihre Wahlversprechen, dann sind sie politisch am Ende.

Für die anderen Europäer wäre es hingegen leicht, Athen ein Stück entgegenzukommen. Und es wäre klug - weil Griechenland sonst wirtschaftlich und politisch ins Chaos stürzen könnte.

Wie wird die Schlagzeile lauten, wenn das Murmeltier nicht mehr grüßt? Hoffentlich nicht: Griechenland ist pleite. Vielleicht: Regierung Tsipras ist am Ende. Oder: Neues Hilfspaket für Griechenland. Die Schuldenkrise würde so aber nicht dauerhaft gelöst.

Langfristig gibt es nur eine zufriedenstellende Lösung. Europa muss sich von der Lüge verabschieden, dass eine Währungsunion funktionieren könne, ohne dass zugleich die unterschiedliche Wirtschaftsstärke der Mitgliedsländer durch Transferzahlungen ausgeglichen wird. Die Konsequenz sollte aber kein Euro-Austritt Griechenlands sein, sondern besser ein Finanzausgleich in Europa. Hoffentlich können wir dann die Schlagzeile lesen: Griechenland ist gerettet.

von Stefan Dietrich

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