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Ohne Sprache kein Verständnis

Deutschtest Ohne Sprache kein Verständnis

In einer Vorlesung über Deutsch als Fremdsprache hat ein Berliner Hochschullehrer einmal ein wunderschönes Beispiel vorgetragen. Die Schulkinder mit ausländischen Eltern wüssten natürlich alle, was „die Sonne“ sei.

Es komme aber darauf an, so erklärte der kluge Didaktiker, dass die Kinder tiefer in die Sprache des Landes eindringen, in dem sie leben. Sie müssten also verstehen können, was ein „sonniges Gemüt“ sei und was es bedeute, jemand habe „die Sonne im Herzen“.

Soviel Poesie ist selten, wenn es um das leidige Thema geht, das im dürren Amtsdeutsch „Spracherwerb“ heißt. So viel Poesie bringt schon gar kein Gerichtshof auf, der über den Spracherwerb als Zuzugshindernis zu entscheiden hat. Und nur so ist das Urteil zu verstehen, das der Europäische Gerichtshof (EuGH) in Luxemburg zu einer in Deutschland geltenden Regelung getroffen hat - zu verstehen als eine von jeder Lebenserfahrung abgekoppelte Entscheidung, die vorgeblich dem Niederlassungsrecht dienen soll, in Wahrheit aber die Erfahrungen aus vierzig Jahren Migration in Europa übersieht.

Seit 2007 müssen Männer oder Frauen, die ihren Ehepartnern nach Deutschland folgen wollen, einfache Deutschkenntnisse nachweisen. Im Fall der Türkei verstießen die Sprachanforderungen jedoch gegen Vereinbarungen aus den siebziger Jahren, urteilten die Richter. Damals vereinbarten beide Seiten, dass die Niederlassung nicht erschwert werden dürfe.

Die Richter in Luxemburg haben aus dem Geist der damaligen Zeit geurteilt. Mit Blick auf die Niederlassungsfreiheit verlange der deutsche Staat zu viel. Nein, ein Staat, der Grundkenntnisse der Landessprache abfragt, verlangt keineswegs zu viel.

Die EuGH-Richter mögen juristisch auf dem Stand Anfang der siebziger Jahre verharren, als das Recht auf Zuwanderung ganz grundsätzlich hoch angesiedelt wurde, sozusagen ohne Folgenabschätzung. Gesellschaftspolitisch sind wir in Europa indes auf einem neuen Stand der Erkenntnisse. Und der besagt, dass das Erlernen der Sprache des neuen Heimatlandes die Grundlage jeder Integration ist. Ohne Sprache keine Verständigung. Der Gesetzgeber muss deutlich machen, dass er es ernst meint mit dem Spracherwerb von Migranten.

von Reinhard Urschel

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