Volltextsuche über das Angebot:

16 ° / 10 ° wolkig

Navigation:
Nichts ist gut

Syrien Nichts ist gut

Es klingt wie eine gute Nachricht: Unterstützt von der US-Luftwaffe und der türkischen Armee sollen syrische Rebellen die bisherige IS-Bastion Dscharablus unter ihre Kontrolle gebracht haben.

Die Terrormiliz gerät damit weiter in die Defensive, viele Menschen in der Stadt dürften es als Befreiung erleben. Doch langfristig könnte die türkische Bodenoffensive für Syrien verheerende Folgen haben. Denn die türkische Regierung will nicht dem syrischen Volk helfen. Sie verfolgt ihre eigenen Interessen - wie andere ausländische Mächte auch.

Der Einsatz sei „gegen Bedrohungen“ durch die IS-Miliz und die kurdische Miliz YPG gerichtet, sagt der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan. Diese Gleichsetzung der kurdischen Miliz mit der Terrorgruppe ist falsch, trotz der Anschläge kurdischer Gruppen in der Türkei.

Es gibt keinen sicheren Beweis dafür, dass YPG in der Türkei an Anschlägen beteiligt war. Erdogans Motiva­tion ist allein die - nachvollziehbare - Befürchtung, dass kurdische Separatisten auch in der Türkei Morgenluft wittern könnten, wenn die kurdischen Kämpfer in Syrien erfolgreich sind.

Die Gemengelage in Syrien wird dadurch noch komplizierter. Europäer und USA bekämpfen die IS-Miliz und unterstützen dazu kurdische Soldaten und Rebellen, die gegen das Assad-Regime kämpfen. Arabische Staaten unterstützen die Rebellen - und anscheinend auch radikale Islamisten. Russland und der Iran bekämpfen IS und die Rebellen an der Seite von Baschar al-Assad. Und die Türkei bekämpft IS und Kurden an der Seite der Rebellen. Auch wenn eigentlich fast alle gegen den so genannten Islamischen Staat sind, kämpft de facto jeder gegen jeden.

Das schadet am meisten den Zivilisten, darunter Kindern und alten Menschen - siehe Aleppo, wo die Versorgungslage wegen Kämpfen zwischen Regierungstruppen und Rebellen katastrophal ist. Den größten Nutzen hat der IS, weil seine Gegner einander gegenseitig schwächen und die innersyrischen Gräben tiefer werden. Selbst wenn es gelingen sollte, die Terrormiliz zu besiegen, rückt der Frieden in Syrien in weite Ferne.

US-Vizepräsident Joe Biden hat gestern das türkische Vorgehen faktisch gebilligt - und die Chance vertan, in Ankara auf eine abgestimmte Strategie zu dringen. Er hat es versäumt, von Erdogan eine Wiederaufnahme des Friedensprozesses mit den Kurden im eigenen Land zu fordern. Und er hat offenbar nicht einmal thematisiert, ob sich aus der russisch-türkischen Annäherung die Option für eine gemeinsame Syrien-Politik - am besten unter dem Dach der Vereinten Nationen - ergibt.

Nichts ist gut in Syrien. Deshalb ist auch die Eroberung von Dscharablus keine wirklich gute Nachricht.

von Stefan Dietrich

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Der politische Kommentar