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Merkel beweist Unabhängigkeit

Spionage-Affäre Merkel beweist Unabhängigkeit

Diplomaten beherrschen die hohe Kunst der starken Botschaft, verpackt in nichtssagendem Geschenkpapier. Nach dem Spionage-Telefonat zwischen Merkel und Obama heißt es lapidar, man wolle im Gespräch bleiben, weil die unterschiedlichen Vorstellungen von Geheimdienstarbeit fortbestünden.

So einfach wird man von der angeblich amerikahörigen Kanzlerin zur autonomen Politikerin, die sich exakt so verhält, wie es die große Mehrheit des deutschen Volkes zu erwarten scheint.

Vom diplomatischen Schnickschnack entkleidet, will uns die Bundeskanzlerin mit ihrer Mitteilung über das Obama-Telefonat sagen, anders als bei vielen aufregenden Tagesfragen könne man bei der Beurteilung der Welt-Überwachungsmacht nicht einfach zur Tagesordnung zurückkehren. Das amtliche Washington ist vergrätzt, in Deutschland stellen die Umfrageinstitute dagegen fest: Angela Merkel steht fest auf dem Boden der gefühlten Stimmung. Auch dies ist wieder einmal ein Beleg dafür, dass aus einer zufälligen Verkettung von Ereignissen im Laufe des Handels eine durchdachte Strategie werden kann. Es kommt nur darauf an, so zu tun, als gehe man planmäßig vor. Merkel profitiert seit jeher von dieser Taktik.

Die Mehrheit der Deutschen ist tief empört über das, was sich die abhörenden Abgesandten der USA herausnehmen. Erst hören sie das Kanzlerinnen-Handy ab und dann bezahlen sie möglicherweise deutsche Referenten in sicherheitsrelevanten Behörden. Den deutschen Diensten fehlt für derlei Treiben die Chuzpe, das Personal und nicht zuletzt das Geld. Der Politik fehlt jetzt allerdings die passende Antwort auf die Frage: Wie soll es weitergehen, wenn der Agenten-Koordinator der USA an der hiesigen Botschaft Berlin nahezu fluchtartig verlassen hat? Dazu ist von der Kanzlerin nur diplomatisch Nichtssagendes zu hören.

Natürlich bleibt die Frage, wieso die Kanzlerin nicht schon vor einem Jahr so alarmiert tat. Damals schreckte der vorbildliche Aufklärer Edward Snowden die Fachwelt auf. Millionenfach werden Bürgerrechte durch einen fremden Staat durchlöchert. Die Kanzlerin beschloss seinerzeit, die Sache so schnell wie möglich klein zu machen. Die breite Mehrheit der Bürger störte das damals nicht wirklich. Jetzt ist eine gefühlte Mehrheit empört und auf den Barrikaden. Also hat sich Angela Merkel am Vorabend ihres 60. Geburtstages offenkundig entschlossen, Unabhängigkeit zu beweisen. Das wird jetzt als ihr Meisterstück verkauft. Umfragen haben den Machern an Merkels Seite gezeigt, wenn der latente Antiamerikanismus geschickt verpackt wird, kann man damit enorme Zustimmungswerte erzielen. Große Kanzler vor ihr haben das auch nicht viel anders gemacht.

von Dieter Wonka

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