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Mauern in den Köpfen

Mauern in den Köpfen

Ich muss an dieser Stelle wieder einmal meinen Prinzipien untreu werden, und was mich dabei beunruhigt: Das reißt ein.

Ich hielt es immer - und halte es nach wie vor - für eine eherne Regel des Journalismus, nicht allzu persönlich zu werden und bloß nicht den Anschein zu vermitteln, den mir zur Verfügung gestellten publizistischen Rahmen für wutbürgerliches Herumgepampe zu missbrauchen. Doch an Tagen wie diesen, es dürfte kaum am Wetter liegen, stellen sich die Nackenhaare auf, und sie wollen sich einfach nicht wieder legen.

Ich breche hier jetzt übrigens mit einem weiteren Prinzip: Ich hatte mir fest vorgenommen, zum Fall Böhmermann zu schweigen. Nicht etwa, weil ich Jan Böhmermann nicht besonders schätze - das ist meine unmaßgebliche, geschmacksgesteuerte Privatmeinung.

Nein, ich bin lediglich wie viele andere Menschen in diesem Land der Meinung, dass wir endlich aufhören müssen, die vermeintliche Staatsaffäre um ein vermeintliches Schmähgedicht weiter künstlich zu überhöhen. Ich habe die Vermutung, dass der CDU-Bundestagsabgeordnete Detlef Seif ebenso sein politisches Ego pflegen wollte, als er Böhmermanns Gedicht im Plenum zitierte, wie es Böhmermann selbst um sein Ego als Fernsehmacher ging, als er die Nummer in die Welt setzte. Der beste Beweis für diese These: Böhmermann schlachtete den Seif-Auftritt umgehend für seine eigene Gag-Maschinerie aus. Eine dankend und grinsend angenommene Steilvorlage.

Ich finde es auch befremdlich, dass sich ein Profi wie Gregor Gysi von Böhmermann in seine „Comeback“-Sendung einladen lässt und sich gleichzeitig dadurch hervortut, dass er öffentlich über das Format von „Neo Magazin Royale“ herzieht. All das mögen, wie es so schön heißt, Befindlichkeiten sein. Aber wir brauchen keine Debatte über Befindlichkeiten, sondern eine konzentriert geführte Debatte darüber, wie Europa es schnellstmöglich hinbekommt, mit Recep Tayyip Erdogan so umzugehen, dass die ursprüngliche Intention der europäisch-türkischen Allianz nicht völlig aus dem Blick gerät. Erinnern wir uns: Es ging und geht darum, die Flüchtlingsströme zu schultern. Wenn wir es allerdings wichtiger finden, uns darum zu kümmern, ob und wann der Paragraf 103 des Strafgesetzbuches abzuschaffen ist, wenn wir uns an der Frage festbeißen, welche Bedingungen die Türkei zu erfüllen hat, um Visumfreiheit für ihre Bürgerinnen und Bürger zu erlangen, dann denken und handeln wir an den akuten Grundbedürfnissen jedes einzelnen Bürgerkriegsflüchtlings vorbei. Und stellen lediglich unter Beweis, dass Europa auch in den Köpfen der Denker und Lenker die Mauern und Zäune hochgezogen hat.

von Carsten Beckmann

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Von Redakteur Carsten Beckmann