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Mauerblümchen soziale Betreuung

Sicherheitsdebatte Mauerblümchen soziale Betreuung

Es ist ein bunter Strauß teils sinnvoller, teils heikler Ideen, die Bundesinnenminister Thomas de Maizière gestern vorlegte. Der Vorschlag, Flüchtlinge besser zu betreuen, wirkte bestenfalls wie ein Mauerblümchen, wenn nicht gar wie ein Feigenblatt.

Doch die soziale und psychologische Begleitung von Flüchtlingen ist zu wichtig, um sie nur als Randaspekt zu behandeln.

Viele Menschen, die in unser Land kommen, sind in seelischen Extremsituationen. Erstens haben sie traumatisierende Erfahrungen gemacht: haben die Heimat und Familienmitglieder verloren, haben Folter, Vergewaltigung und Kriegsverbrechen erlebt oder ansehen müssen, sind gerade so dem Tod entronnen. Zweitens bangen sie um Angehörige, die noch in Kriegsgebieten leben. Drittens müssen sie nun in Deutschland erst einmal warten, bis über ihre Zukunft entschieden wird.

Viertens weiß man, dass viele Menschen in einem fremden Land einen Kulturschock erleiden. Dieses Phänomen tritt auch bei jenen auf, die nicht aus Not, sondern auf eigenen Wunsch ihr Land verlassen - beispielsweise, um im Ausland zu arbeiten. Nach einer ersten Phase der Euphorie geraten sie in eine Krise: Sie stellen fest, dass sie mit fremden Gepflogenheiten nicht klar kommen, werden wütend oder ziehen sich zurück. Manche Menschen bewältigen diese Krise schnell, andere nicht. Wer freiwillig ausgewandert ist, kann dann in die Heimat zurückkehren. Für Flüchtlinge ist das keine Option.

Psychologische und soziale Betreuung sowie Sprach- und Kulturvermittlung sind also unersetzlich, damit Flüchtlinge in Deutschland ankommen. Inzwischen ist angesichts der gesunkenen Zahl der Neuankömmlinge die Unterbringung und Registrierung kein Problem mehr. Somit gibt es keine Entschuldigung, die Betreuung zu vernachlässigen. Doch leider hat Grünen-Chefin Simone Peter recht: „Hier lässt die Bundesregierung seit Monaten sträflich auf sich warten.“

Bis Flüchtlinge eine Traumatherapie bekommen, dauert es oft Monate. Bei Minderjährigen, die ohne Eltern nach Deutschland gekommen sind, ist ein Amtsvormund für bis zu 50 Jugendliche zuständig. So lässt sich kaum verhindern, dass Menschen abrutschen - in Depression, Aggression, Radikalisierung. Im Extremfall in den Terrorismus - denn der IS versucht offensichtlich, psychisch labile Menschen zu rekrutieren. Gute Betreuung ist also auch Prävention.

Gewiss kann man der Terrorgefahr nicht allein mit Psychologen und Sozialarbeitern begegnen. Man mag es de Maizière daher nachsehen, dass ihm als Innenminister die Sicherheitsgesetze näher liegen als die Sozialarbeit. Ein Mauerblümchendasein darf sie aber nicht fristen, wenn die Integration von Flüchtlingen gelingen soll.

von Stefan Dietrich

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