Volltextsuche über das Angebot:

12 ° / 7 ° Regenschauer

Navigation:
Kulturelle Identität und Religion

Deutschtürken Kulturelle Identität und Religion

Es scheint so etwas wie die Woche der kulturellen, politischen und ideologischen Standortbestimmungen zu sein. Nach dem repräsentativen Blick der Universität Leipzig auf die rechtsextremen Tendenzen in der deutschen Bevölkerung folgte gestern eine Studie über das Islamverständnis in Deutschland lebender Mitbürgerinnen und Mitbürger mit türkischen Wurzeln.

Eine der zentralen Botschaften dieser Erhebung: Fast jeder zweite der befragten Muslime türkischer Herkunft hält die Gebote seiner Religion für wichtiger als die Gesetze des Landes, in dem er lebt. Wer sich mit diesem einen Ergebnis der Studie zufriedengibt, sieht vermutlich all jene Vorurteile bestätigt, die sich mit dem Begriff der Parallelgesellschaft umschreiben lassen. Es ist der Münsteraner Leiter der Studie selbst, der hier relativiert: Der Religionssoziologe Detlef Pollack deutet seine Studie so, dass die gesammelten Antworten eher als Ausdruck der eigenen kulturellen Identität zu werten sind und weniger auf die tatsächliche Religionsausübung abzielen.

Fast folgerichtig gibt es unter den Zuwanderern der ersten, sehr viel schlechter integrierten Generation von Zuwanderern der Studie zufolge mehr Muslime, die den Glauben über das Gesetz stellen. Für die jüngeren türkischstämmigen Menschen in Deutschland definiert sich kulturelle Identität offenbar eher auf weltlicher Ebene. Die Religion rückt dabei zunehmend in den Hintergrund, auch wenn es viele Muslime ärgert, dass in den Augen der deutschen Öffentlichkeit der Islam pauschal mit Gewalt und Fanatismus gleichgesetzt wird. Dass sich davon jedoch nur eine Gruppe im einstelligen Prozentbereich selbst zur Gewaltbereitschaft hinreißen ließe, ist eines der wichtigeren Ergebnisse der Münsteraner Studie. Deuten lässt sich das so: Mehr als 90 Prozent der in Deutschland lebenden türkischstämmigen Muslime lehnt religiösen Fanatismus und Gewalt ab. Eine weitaus beruhigendere Erkenntnis als jene aus der Leipziger Rechtsextremismus-Studie, derzufolge 20 Prozent der Befragten bereit wären, körperliche Gewalt gegen Fremde anzuwenden.

von Carsten Beckmann

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Der politische Kommentar