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Komplizierte Beziehungskiste

Europa Komplizierte Beziehungskiste

Schwere Beziehungskrisen im Jahr der Diamantenen Hochzeit sind eher die Ausnahme. Wenn es zwei Menschen 60 Jahre miteinander ausgehalten haben, haben sie bei den grundsätzlichen Streitpunkten Kompromisse gefunden.

Das kann sehr mühsam sein - auch deshalb ist es gut, dass man hierzulande nur mit einem Partner verheiratet sein darf. Wie kompliziert es ist, wenn 28 Partner auf einen Nenner kommen sollen, sieht man an der Europäischen Union.

60 Jahre nach der Eheschließung, den Römischen Verträgen, erlebt Europa gerade den größten Familienkrach. Großbritannien packt seine Koffer und will ausziehen. Ungarn und Polen haben sich Türen knallend in ihre Zimmer zurückgezogen. Griechenland fühlt sich von allen im Stich gelassen. Und die anderen diskutieren, wie es weitergehen soll: Brauchen wir etwas Abstand voneinander? Oder müssen wir eher noch mehr gemeinsam unternehmen?

Für einen Staatenverbund mit noch 28 Mitgliedern gibt es in dieser Situation keine Eheberatung. Vermutlich aber ist die beste Antwort: sowohl als auch, ein bisschen von allem. Ein „Europa der verschiedenen Geschwindigkeiten“ fordern überzeugte Europäer wie Wolfgang Schäuble und Joschka Fischer seit Jahrzehnten. Jetzt greift EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker diese Idee auf. Tatsächlich könnte sie der Union helfen, ihre Krise zu überwinden.

Diese „konzentrischen Kreise“, wie Juncker sie nennt, wären ein gewagtes Beziehungsexperiment. Aber Experimente haben den Vorteil, dass man mit ihnen theoretische Annahmen praktisch beweisen kann. Wenn ein „Kerneuropa“ in bestimmten Politikbereichen enger zusammenarbeitet, wird sich zeigen, dass dies den Bürgern und der Wirtschaft nutzt. Sollte sich diese Annahme in einzelnen Feldern nicht bestätigen, könnten die Mitglieder die Zuständigkeiten wieder in die Hände der Nationalstaaten legen.

Letzteres geht derzeit nur mit viel Drama, wie man am britischen EU-Austrittsplan sieht. Der Wechsel zwischen inneren und äußeren Kreisen, zwischen schneller und langsamer Integrationsgeschwindigkeit muss daher wesentlich einfacher werden: Alles kann, nichts muss. Nur so wird man Populisten den Wind aus den Segeln nehmen, die so tun, als würde Europa seine Mitgliedsstaaten und Bürger mit Gewalt zu etwas zwingen, was keiner will.

Als Beziehungsstatus müsste Europa „es ist kompliziert“ angeben. Und es wird noch komplizierter - aber es lohnt sich, für diese Liebe zu kämpfen. Die Abschaffung der Grenzkontrollen, die gemeinsame Währung, die Freizügigkeit für Arbeitnehmer und der Binnenmarkt bringen Bürgern und Unternehmen spürbaren Nutzen. Wir müssen diese Krise gemeinsam durchstehen.

von Stefan Dietrich

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