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Kluge Köpfe in prekärer Lage

Universitäten Kluge Köpfe in prekärer Lage

Wir leben in einer Wissensgesellschaft. Deutschland ist eine Bildungsrepublik. Unser wichtigster Rohstoff sind Ideen. Deshalb müssen wir um die klügsten Köpfe kämpfen. Soweit die Sonntagsreden unserer Politiker - Phrasendreschmaschine aus!

Die Realität an deutschen Hochschulen sieht oft anders aus. Am oberen Ende der universitären Karriereleiter wartet für manchen Wissenschaftler zwar ein erstrebenswertes Ziel: Wer Professor wird, genießt große Freiheiten und ein hohes Prestige, bekommt ein gutes Gehalt und ist für den Ruhestand abgesichert. Wer jedoch viele Jahre lang auf den mittleren Sprossen der Leiter steht und eventuell sogar nie nach ganz oben gelangt, der befindet sich oft trotz einer hohen wissenschaftlichen Qualifikation in einer prekären beruflichen Situation.

Obwohl Promotionen und andere wissenschaftliche Projekte meist absehbar über mehrere Jahre laufen, werden viele Jungwissenschaftler erst einmal für weniger als ein Jahr eingestellt. Nach sechs Jahren können viele Spitzenkräfte dann aufgrund der gesetzlichen Bestimmungen nicht weiterbeschäftigt werden. Bundesbildungsministerin Johanna Wanka hat völlig recht: Das ist indiskutabel. „Dauerstellen für Daueraufgaben“ ist nicht nur eine Gewerkschaftsforderung, es sollte eine Selbstverständlichkeit sein.

Hinzu kommt, dass viele Wissenschaftler weit mehr arbeiten, als in ihren Verträgen vorgesehen ist. Manche Dozenten würden nicht einmal den gesetzlichen Mindestlohn bekommen, wenn man den tatsächlichen Zeitaufwand für die Vor- und Nachbereitung ihrer Seminare berücksichtigen würde. Für die angebliche Bildungsrepublik Deutschland ist das ein Armutszeugnis.

Es ist gut, dass die große Koalition endlich aufwacht und sich dieses Problems annimmt. Schon tritt aber die Union wieder auf die Bremse: „Es kann in der wissenschaftlichen Qualifikationsphase keine Sicherheit geben, wie wir sie sonst bei Arbeitnehmern haben“, meint Fraktionsvize Michael Kretschmer. Doch warum eigentlich nicht? Warum soll ausgerechnet der Staat seine Arbeitnehmer schlechter behandeln als gewinnorientierte Unternehmen? Mit welcher Begründung will man ausgerechnet den „klugen Köpfen“, um die man angeblich kämpft, jegliche Sicherheit verweigern?

Nicht jeder Wissenschaftler kann einen Lehrstuhl bekommen. Doch wenn deutsche Universitäten international mithalten wollen, brauchen sie nicht nur gut bezahlte Professoren, sondern auch einen guten wissenschaftlichen Mittelbau. Dass diese Mitarbeiter angemessen behandelt werden, ist deshalb nicht nur eine Frage der Gerechtigkeit. Es trägt auch zur Qualität der Lehre und Forschung bei - und nützt damit der ganzen Gesellschaft.

von Stefan Dietrich

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