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Klappern mit dem Essgeschirr

Nato Klappern mit dem Essgeschirr

Die Frage, wie Menschen über Symbole kommunizieren, ist ein spannendes Forschungsfeld für Soziologen und Psychologen. Symbole steuern uns durch den Alltag, angefangen von der roten Ampel im Straßenverkehr bis zu roten Rosen am Valentinstag.

Das ist vergleichsweise simpel, und nur in Ausnahmefällen besteht bei den gewählten Beispielen die Gefahr der Fehlinterpretation - wenn etwa der Blumenstrauß nicht als Liebesbeweis, sondern als Ausdruck schlechten Gewissens gedeutet wird oder das Ampelrotlicht nicht zum Bremsen, sondern zum Gasgeben animiert.

Operiert die Politik mit Symbolen und Gesten, muss sie sich sicher sein, dass die Zeichen richtig gedeutet werden. Mit schöner Regelmäßigkeit ziehen politische Beobachter in Zweifel, ob etwa in der Sicherheits- und Verteidigungspolitik Symbole wie etwa die aktuelle Nato-Truppenstationierung im Baltikum die gewünschten Reflexe auslöst. Was wird Wladimir Putin tun angesichts des Aufmarschs in Litauen, Estland, Lettland und Polen? Überrascht wird der Kreml-Chef nicht sein, denn die westliche Militärallianz lässt in diesen Tagen lediglich Worten die entsprechenden Taten folgen. Mithin dürfte Russland seit dem Warschauer Gipfel über Reaktionen nachgedacht haben, die aus Moskauer Sicht angemessen erscheinen. Die Annahme, Putin könne mit Deeskalationsangeboten auf die Nato-Präsenz im Osten reagieren, ist schlichtweg naiv. Es entbehrt allerdings auch nicht einer gewissen Naivität, die Truppenstationierung im Baltikum und in Polen Russland gegenüber als Zeichen der Stärke und Entschlossenheit verkaufen zu wollen. Es ist kein Geheimnis, dass man mit der Entsendung einer Handvoll wackerer bayerischer Panzergrenadiere mit ihren Leoparden und Mardern nicht in die Nähe von Waffengleichheit kommen kann. Militärexperten wissen genau, dass Putin über Mittelstreckenraketensysteme verfügt, mit denen über die Köpfe der jetzt in Grenznähe stationierten Natosoldaten hinweg bis Berlin gefeuert werden kann. Kurz: Hier wird nicht einmal so richtig laut mit dem Säbel gerasselt, sondern allenfalls mit dem Essgeschirr geklappert. Will der Westen Wladimir Putin unmissverständlich zu verstehen geben, dass es nach wie vor dringliche Dinge wie die Ukraine-Frage, den Beginn einer Männer-Machtfreundschaft mit Donald Trump oder das Syrien-Engagement mit ihm zu erörtern gilt, darf er nicht allein auch die zweifelhafte Wirkkraft von Truppenbewegungen setzen. Und als pure Beruhigungspille für die Regierungen in den Baltenrepubliken ist eine derartige Militäroperation schlicht zu teuer. Und überdies ist fraglich, ob sich Vilnius, Tallinn, Riga und Warschau mit dieser Art von Symbolpolitik zufriedenstellen lassen.

von Carsten Beckmann

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Von Redakteur Carsten Beckmann