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Kinderfeindliches Deutschland

Geburtenrate Kinderfeindliches Deutschland

Es bleibt dabei: Die Bevölkerung Deutschlands schrumpft, wenn man die Zuwanderung nicht einrechnet. Der demografische Wandel ist unaufhaltsam - und damit alle Probleme, die er für Rentensystem, Arbeitsmarkt und regionale Entwicklung bringt.

Dass die Geburtenrate so hoch ist wie seit 30 Jahren, ändert daran nichts. Im Durchschnitt bekommt eine Frau in Deutschland 1,5 Kinder. Die Bevölkerung schrumpft aber, wenn diese Rate unter 2,1 liegt. Man kann also nicht wirklich von einer „Trendwende“ sprechen.

Für die auf niedrigem Niveau steigende Geburtenrate gibt es wohl eine ganze Reihe von Ursachen. Neben der Rückbesinnung auf traditionelle Werte dürfte die wirtschaftlich gute Situation - mit niedrigen Arbeitslosenzahlen und steigenden Löhnen - eine Rolle spielen. Auch der Ausbau der Kinderbetreuung und die Einführung der Elternzeit mag vielen die Entscheidung für ein Kind erleichtern.

Das ist aber nicht genug. „Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie muss stetig verbessert werden und in die Qualität der Kinderbetreuung investiert werden“, sagt Martin Bujard vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung. Viele Eltern - vor allem Mütter - werden ihm zustimmen. Ein Betreuungsplatz nützt wenig, wenn die Kindertagesstätte zu kurz geöffnet ist - oder wenn der Arbeitgeber nicht bereit ist, Eltern die notwendige Flexibilität zu geben. Dass junge Menschen häufig in befristeten und prekären Jobs arbeiten, ist auch kein guter Anreiz für die Familiengründung.

Dazu kommt das gesellschaftliche Unverständnis, das (potenziellen) Eltern entgegenschlägt. Deutschland ist so kinderfeindlich, dass man sich eigentlich über jedes Paar wundern muss, das sich dennoch für Kinder entscheidet. Ein paar Beispiele, alle tatsächlich passiert: Eine junge Frau bewirbt sich bei einer Kommune - und der Bürgermeister teilt ihr unter der Hand mit, man wolle lieber keine Frau mit Kinderwunsch einstellen. Nachbarn beschweren sich, weil kleine Kinder angeblich zu laut spielen. Ein Vater fühlt sich von Chef und Kollegen scheel angesehen, weil er in Elternzeit gehen will. Und eine junge Mutter arbeitet bei einem vermeintlich familienfreundlichen Unternehmen - doch als sie zum zweiten Mal schwanger wird, werden ihr lange vor Beginn des Mutterschutzes ihre Aufgaben entzogen. Die Hebamme tröstet sie mit den Worten: „Irgendjemand muss die Kinder kriegen, die die Gesellschaft will.“

Politik und Gesellschaft müssen ihre Einstellung ändern, wenn die Zahl der Kinder mittelfristig nicht wieder deutlich sinken soll. Zugleich sollte Deutschland offen über gezielte Zuwanderung diskutieren. Nur so lässt sich der demografische Wandel zumindest abfedern.

von Stefan Dietrich

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