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Jedem die Welt so, wie sie ihm gefällt?

Verschwörungstheorien Jedem die Welt so, wie sie ihm gefällt?

Schon verrückt. In den USA könnten die Wähler die Geschicke des mächtigsten Landes der Welt am Ende wirklich einem einfältig-unflätigen hemmungslosen Politclown überlassen.

Bei uns wird in den sozialen Medien ein Video des WDR-Nachttalkers Jürgen Domian herumgereicht, in der ein Mann ernsthaft erklärt, dass die Erde eine Scheibe sei und der Menschheit die Auslöschung durch außerirdische Reptiloiden droht, die unter uns leben. Belegen kann er nichts davon, begründen auch nicht, aber man müsse nur im Internet „recherchieren“, um zu verstehen. Was in seinem Kosmos heißt, Videos von anderen Zweiflern anzusehen, die ihr Leben damit verbringen, „Beweise“ für die abstrusesten Theorien zu sammeln.

Sicher, das ist ein besonders krasses Beispiel. In nicht gefährlicher Form begegnet uns das aber auch - bei den sogenannten Reichsbürgern, die sich ihre eigene Welt zusammenspinnen. Und wer manchen Anhängern von Pegida oder der AfD zuhört, erkennt in deren Vorwürfen gegenüber etablierten Parteien und Medien ein ähnliches Muster. Belegbar ist von diesen Verschwörungen selten etwas. Aber fehlende Beweise werden dann häufig als Indiz dafür genommen, dass es diese Verschwörung gegen „das Volk“ ja geben muss - schließlich verstünden die „Vertuscher“ ihr Geschäft. Eine Argumentation, die ihre Fehlerhaftigkeit als Beweis für ihre Richtigkeit nimmt - daran kann man als nüchtern denkender Mensch schon mal verzweifeln.

Was über der mühsamen Abarbeitung an solchen Themen ins Hintertreffen zu geraten droht, ist die Beschäftigung mit den realen Gefahren. Auch ohne Donald Trump oder paranoide Staatsverweigerer haben wir genug Probleme, zu denen Bürger ihre Stimme erheben können und sollten: Das reicht - nur einige Beispiele - vom rapide erodierenden Schutz der Privatsphäre in Zeiten des Terrors, über eine unaufgeregtere Herangehensweise an die Herausforderungen der Terrorabwehr und der Flüchtlingsbewegungen, bis zu einer gerechteren Verteilung der Gewinne und Lasten in unserer Gesellschaft und dem Kampf gegen Ungerechtigkeit und Krieg. Es sieht leider nur nicht so aus, als ließe sich der Eifer der Alles-­Anzweifler zügig wieder in konstruktive, positiv-lösungsorientierte Bahnen lenken.

von Michael Agricola

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