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Hoher Preis für niedrige Zinsen

EZB Hoher Preis für niedrige Zinsen

Selten haben Stellen hinter dem Komma so viel Aufmerksamkeit bekommen. Aber es sind eben sehr symbolträchtige Zehntelprozent, an denen die Europäische Zentralbank gestern gedreht hat.

Zusammen mit den weiteren Maßnahmen sagen sie: Die Dauerkrise im Süden Europas ist noch nicht bewältigt - und viel fällt uns auch nicht mehr ein. Die Notenbank drängt den Kreditinstituten das Geld quasi auf, damit sie es wachstumsfördernd verleihen können.

Eigentlich senkt man Zinsen, um Investitionen billiger zu machen. Doch sie waren längst so niedrig, dass hier kein Effekt mehr zu erwarten ist. Abgesehen davon hat lockere Geldpolitik allein nie genügt, um die Konjunktur in Gang zu bringen. In Wahrheit bremst neben schwacher Nachfrage auch die schärfere Regulierung der Banken die Kreditvergabe - schließlich sollen sie wenig riskieren. So ist es absurd, ihnen Milliarden für Unternehmensfinanzierung vor die Tür zu legen, während die Anforderungen an Kreditvergaben höher geschraubt werden.

Die Frage ist nur: Was sollte die EZB sonst tun? Seit der Finanzkrise bewegt sie sich weit jenseits angestammter Gefilde. Zwar kommt langsam Leben in die Konjunktur, aber die Notenbank traut dem Trend nicht. So hilft die EZB auf einem Weg, den sie offiziell nicht geht: Die Geldflut schwächt den Eurokurs und macht der Exportwirtschaft das Leben leichter. Gleichzeitig würden die Importpreise steigen - ein Schritt gegen die gefürchtete Deflation.

Doch der Preis dafür ist hoch. Zum einen wird es immer schwieriger, die Geldflut wieder einzudämmen, die Gefahr von Preisblasen wächst. Vor allem verlieren alle, die selbst für das Alter vorsorgen. Der Minizins führt zwar nicht akut zu dramatischer Kapitalvernichtung, die Inflation ist schließlich ebenfalls niedrig. Doch auf Dauer geriete ein ganzes System ins Wanken.

„Kapitaldeckung“ war das Zauberwort für alle finanziellen Aspekte des demografischen Wandels. Wenn nicht mehr genug Junge nachwachsen, um ein Umlagesystem zu finanzieren, legt man eben selbst Geld zur Seite. Es vermehrt sich am Kapitalmarkt und irgendwann ist man versorgt. Irrtum, auf Jahre hinaus schrumpft Kapital, wenn es sicher angelegt sein soll. Freuen können sich Schuldner, deren Lasten mitschrumpfen. Da stehen Europas Regierungen mit ihren Staatshaushalten in der ersten Reihe.

von Stefan Winter

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