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Höchst ungerecht und rückständig

Lohnkluft Höchst ungerecht und rückständig

Kaum zu glauben: Auch im Jahr 2016 verdienen Frauen in Deutschland im Durchschnitt noch weniger als Männer. Selbst wenn man herausrechnet, dass sie häufiger in schlechter bezahlten Branchen und in Teilzeit arbeiten, erhalten Mitarbeiterinnen durchschnittlich sieben Prozent weniger Gehalt als ihre männlichen Kollegen.

Dabei ist es doch eine Binsenweisheit, dass sie dasselbe leisten.

Das ist nicht nur ungerecht, rückständig und im Widerspruch zu den Werten unseres Staates - es ist auch wirtschaftlicher Unsinn. Der eigentliche Sinn unterschiedlich hoher Löhne liegt nämlich darin, Leistung und Qualifikation zu belohnen. Der Lohnabstand zwischen Männern und Frauen zeigt, dass in vielen Betrieben nach anderen Maßstäben entschieden wird.

Offenbar geben einige der - meist männlichen - Chefs ihren männlichen Angestellten gerne etwas mehr als weiblichen. Ob das nun daran liegt, dass männliche Platzhirsche härter verhandeln, dass es in Unternehmen männliche Seilschaften gibt oder dass Chefs Mitarbeiter bevorzugen, die ihnen ähnlich sind - es ist in jedem Fall eine Fehlverteilung von Ressourcen, die letztendlich zum Schaden des Unternehmens ist. Erst recht in Zeiten, in denen Unternehmen auch um weibliche Fachkräfte kämpfen müssen.

Insofern müssten die Wirtschaft - und der Arbeitgeber Staat - eigentlich das größte Interesse haben, diesen Unsinn abzustellen und Lohngerechtigkeit zwischen Frauen und Männern herzustellen. Unternehmen müssten ihre Lohntabellen selbstständig nach solchen Ungerechtigkeiten durchforsten. Stattdessen sträuben sich Arbeitgeber­verbände gegen das von Familienministerin Manuela Schwesig geplante Gesetz für mehr Lohngleichheit, weil es angeblich zu viel koste. Das zeigt einen Mangel an Problembewusstsein in der männerdominierten Wirtschaft.

Gerade deshalb ist Schwesigs Gesetzentwurf notwendig. Ein „Durchbruch“ ist er entgegen ihrer Aussage aber nicht. Ein Auskunftsanspruch stellt nämlich noch keine Gerechtigkeit her, er macht nur die Ungerechtigkeit offensichtlich. Für die betroffenen Frauen dürfte es schwierig werden, gleiche Bezahlung auch wirklich durchzusetzen.

Vor allem aber soll das geplante Gesetz laut dem Koalitionskompromiss nur für Betriebe ab 200 Mitarbeitern gelten - also nur für 14 von 43 Millionen Arbeitnehmern in Deutschland. Da viele kleine Unternehmen nicht tarifgebunden sind, wird das Gesetz gerade dort nicht greifen, wo die Gehaltsstrukturen besonders intransparent sind. Da kann man nur zitieren, was Schwesig vor einigen Monaten noch selbst gesagt hat: „Wer es ernst meint mit der Lohngerechtigkeit, darf nicht einen Großteil der Frauen davon ausschließen.“

von Stefan Dietrich

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