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Hände weg vom Sonntag!

Handel Hände weg vom Sonntag!

Wenn es ums Geschäft geht, ist dem Einzelhandel nichts heilig - auch der Sonntag nicht. Zehn Sonntage jährlich will der Handelsverband HDE dem Mammon opfern.

Karstadt-Chef Stephan Fanderl würde den arbeitsfreien Sonntag am liebsten ganz abschaffen: „Zwölf offene Verkaufstage in der ganzen Republik wären ein guter Schritt in die generelle Sonntagsöffnung.“

Bei vielen Kunden dürfte der Vorschlag gut ankommen. Schon heute ziehen Flohmärkte, Messen und verkaufsoffene Sonntage an den Wochenenden Tausende an. In die Kirche geht nur noch eine Minderheit - warum also nicht am Sonntag mit der ganzen Familie Möbel kaufen?

Für den Handel sind aus Fanderls Sicht Feiertage und Feierabende nur Hemmnisse im Wettbewerb mit den Onlineshops. Am Sonntag ließe sich der Wochen-Umsatz um zehn Prozent steigern, behauptet er - und warnt vor dem Sterben der Innenstädte.

Da hat sich Fanderl allerdings derart verrechnet, dass man sich wundert, wie er ein großes Unternehmen führen kann. Längere Öffnungszeiten führen nämlich nicht dazu, dass die Kunden insgesamt mehr ausgeben. Ob sie dadurch eher in der Innenstadt shoppen statt im Internet, ist fraglich. Denn der Onlinehandel punktet nicht nur mit unbegrenzten Öffnungszeiten, sondern auch mit niedrigen Preisen und unbegrenztem Sortiment. Selbst wenn längere Öffnungszeiten dem stationären Handel etwas größere Umsätze bescheren - es fallen dafür zugleich mehr (oft eher umsatzschwache) Arbeitsstunden an, die bezahlt werden müssen. Gerade kleine Läden werden da nicht mithalten können.

Auch für die Kunden ist der Wegfall von Feierabend und Sonntagsruhe ein zweischneidiges Schwert. Sonntagsarbeit muss manchmal sein, beispielsweise in medizinischen Berufen. Doch seit Jahren wird sie in anderen Branchen schleichend ausgeweitet. Das trifft auch diejenigen, denen der Sonntag heilig ist.

Und eigentlich sollte der arbeitsfreie Tag jedem heilig sein. Der Feiertag ist mehr als ein - vermeintlich überholtes - religiöses Gebot. Er ist für die Menschen da, hierin besteht sein Sinn. Das steht so ähnlich schon im Neuen Testament. Es gilt aber auch heute noch, wie die Gewerkschaft Verdi zu Recht betont: „Der arbeitsfreie Sonntag ist ein Grundrecht, das Beschäftigten zusteht.“

Je mehr die Sonntagsruhe ausgehöhlt wird, desto weniger gemeinsame Freizeit bleibt der Gesellschaft - für Familie, Vereine oder Feste. Und, so unmodern das klingen mag, auch für Ruhe und Besinnung. In einer Welt, die sich immer schneller zu drehen scheint und ständige Erreichbarkeit zur Norm erhebt, ist das nötiger denn je. Der arbeitsfreie Sonntag ist unbezahlbar.

von Stefan Dietrich

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