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Great oder Little Britain?

Brexit und die Schotten Great oder Little Britain?

Es rumort gehörig in Großbritannien. Jetzt, wo das Kündigungsschreiben für den Austritt aus der Europäischen Gemeinschaft quasi auf dem Weg zur Post ist, begehren erneut jene verzweifelt auf, die gern in der EU bleiben wollen.

Die Schotten wollen ein erneutes Unabhängigkeitsreferendum. Und anders als beim gescheiterten ersten Anlauf vor ein paar Jahren dürften die Chancen für die Nationalisten im Norden der Insel nun deutlich besser stehen.

Zu tief sitzt dort die Enttäuschung über den Ausgang der Brexit-Abstimmung und die abweisende Behandlung durch die Regierung in London, die auf die Frage nach Zugeständnissen und Sonderrechten nach einem Brexit nur ein hartes „No“ übrig hatte. Darüber hinaus sind viele Schotten ohnehin der Meinung, dass sie wirtschaftlich auch allein gut zurecht kommen würden - unter anderem dank lukrativer Öl- und Gasvorkommen in der Nordsee.

Doch ob es dazu kommt, dass die Schotten nochmal über ihre Unabhängigkeit abstimmen dürfen, steht in den Sternen. Die Entscheidung liegt in der Hand des britischen Unterhauses in London. Und das hat zuletzt noch nicht einmal seine gerichtlich gestärkte Position für Änderungen am Brexit-Gesetz genutzt. Es hat seine Chance auf die Mitgestaltung dieser für Großbritannien und Europa umwälzenden Frage leichtfertig vertan und folgte lieber brav dem Kurs der Premierministerin Theresa May.

Es ist somit auch kaum anzunehmen, dass man sich im House of Commons den Schotten gegenüber anders verhalten würde als die Regierung May, die bisher alle Versuche der schottischen Regionalregierung rigoros abgeblockt hat - aus einem einfachen Grund: Großbritanniens Gesellschaft ist durch die EU-Austrittsfrage schon tief gespalten. Da kann man es sich nicht leisten, auf diesem Weg auch noch Teile des Königreiches auf dem Weg zu verlieren. Denn gäbe man den Schotten nach, folgten garantiert die Nordiren auf dem Fuß. Auch dort lehnt eine Bevölkerungsmehrheit den Brexit ab. Durch die direkte Grenze zum EU-Mitglied Irland hätte dieser bislang unabsehbare Folgen für den Alltag der Menschen, die sich noch immer von einem jahrzehntelangen, blutigen und nur mühsam befriedeten Konflikt zwischen pro-britischen Unionisten und pro-irischen Republikanern erholen. Der Brexit droht gerade hier alte Wunden aufzureißen.

Der britischen Regierung bleibt aber kaum eine andere Wahl, als die Abspaltungs­ideen am Rande des Inselreiches mit aller Macht zu unterdrücken. Sonst droht Theresa May als die Premierministerin in die Geschichte einzugehen, die zugelassen hat, dass nach dem Brexit vom einstigen „Great Britain“ nur noch„Little Britain“ übrig blieb.

von Michael Agricola

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