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Gordischer Knoten bleibt ungelöst

Lokführer Gordischer Knoten bleibt ungelöst

Das laute Aufatmen konnte man gestern in der ganzen Republik hören: Weitere Lokführerstreiks sind in den nächsten Wochen nicht zu erwarten, weil sich die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer im Tarifkonflikt mit der Deutschen Bahn nun doch auf eine Schlichtung einlässt.

Endlich! Das dachten gestern nicht nur Millionen Pendler und Reisende. Aufatmen konnte auch die Konzernspitze, für die jeder Streiktag Verluste bedeutet.

Doch auch GDL-Chef Claus Weselsky selbst konnte erleichtert sein. Denn die Verhandlungen zwischen ihm und Bahn-Personalvorstand Ulrich Weber schienen derart verfahren, dass eine Lösung unmöglich erschien. Die GDL braucht jedoch rasch ein Ergebnis - bevor ihr das Tarifeinheitsgesetz einen Strich durch die Rechnung macht.

Vor diesem Hintergrund muss man Weselskys Triumphgeheul verstehen: „Nach fast einem Jahr Tarifkonflikt konnte mit dem Druck im neunten Arbeitskampf der gordische Knoten durchschlagen werden“, verkündete er. Das ist reichlich übertrieben.

Richtig ist: Weber und Weselsky verstehen sich so schlecht, dass sie gemeinsam nicht einmal einen Krawattenknoten öffnen könnten. Zwei erfahrene Politiker könnten als Schlichter diese Blockade auflösen. Im Idealfall gelingt Brandenburgs früherem Regierungschef Matthias Platzeck und dem thüringischen Ministerpräsidenten Bodo Ramelow ein Kompromiss, mit dem beide Seiten ihr Gesicht wahren können.

Der gordische Knoten bleibt aber ungelöst. Er besteht weder in der Antipathie der Herren Weber und Weselsky noch in der Frage, wie viel Geld die Bahn den Lokführern anbietet. Auch die Konkurrenz von zwei Gewerkschaften macht den Konflikt zwar komplizierter - wie sich an den parallel laufenden Verhandlungen mit der ebenfalls streikbereiten EVG zeigt. Doch sie ist nicht das Hauptproblem. Deshalb wird auch das Tarifeinheitsgesetz nicht den erwünschten Erfolg bringen. Falls es überhaupt vor dem Bundesverfassungsgericht Bestand hat.

Der gordische Knoten ist: Es gibt Berufsgruppen, die eine so zentrale Rolle einnehmen, dass sie mit einem Streik ein Land lahmlegen können. Aus diesem Grund waren früher Lokführer grundsätzlich Beamte. CDU-Wirtschaftspolitiker sehnen diese Zeiten nun zurück. Doch es gibt kein Zurück: Denn das passt nicht zu einem privatisierten Konzern, der mit anderen Bahn-, Bus- und Speditionsunternehmen konkurriert, deren Mitarbeiter streiken dürfen.

Es gibt daher keine einfache Lösung. Man kann den gordischen Knoten nicht zerschlagen wie einst Alexander der Große. Man muss ihn mühsam entwirren. Das wird Ramelow und Platzeck hoffentlich gelingen. Wir können aufatmen - aber nur bis zum nächsten Tarifkonflikt.

von Stefan Dietrich

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