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Gewaltausbrüche mit Ansage

Anschläge Gewaltausbrüche mit Ansage

Von der Anti-Flüchtlings-Demo zur Blockade einer Zufahrt zum Flüchtlingsheim, vom mutwilligen Unter-Wasser-Setzen geplanter Asyl-Unterkünfte zu Brandanschlägen auf solche Gebäude.

Von wüsten Beschimpfungen gegenüber Schutzsuchenden zum geworfenen Stein, zu Schüssen in ein Fenster - und nun zum Handgranatenwurf auf dem Hof einer bewohnten Flüchtlingsunterkunft: Die Eskalation der Gewalt gegen Flüchtlinge in Deutschland ist erschreckend - zugleich erschreckend vorhersehbar. Hunderte Anschläge auf Flüchtlingsunterkünfte in einem Jahr, mit steigender Skrupellosigkeit. Da ist die zynische Frage berechtigt: Wann gibt es den ersten Toten?

Eine vergleichbare Gewalt­spirale liegt nur gut 20 Jahre zurück: Lichtenhagen, Hoyerswerda, Lübeck, Solingen, Hünxe, Mölln - alles Schlagworte für eine unselige, beschämende Zeit. Wie heute war es keine aus dem Untergrund operierende Terroristenbande, sondern der blindwütige, von plumper „Das-Boot-ist-voll“-Rhetorik aufgestachelte Mob, der die durch die Anschläge und Ausschreitungen bis heute gebrandmarkten Orte in die Schlagzeilen prügelte, brandschatzte, mordete.

Damals hieß es, auch daraus zu lernen, wie schnell der fahrlässige Umgang mit Worten zu Toten führen kann. Doch von dieser Erkenntnis ist nicht viel übrig - nicht nur in Köpfen von ganz Rechten.

Die ungelöste Flüchtlingssituation in Europa ist das eine, die Vorkommnisse von Köln bieten vielleicht manchem ebenfalls einen Vorwand, seinen Fremdenhass oder Frust gewaltsam auszuleben. Aber: Es ist auf Seiten der (europäischen) Politik seit Monaten ein unverantwortliches verbales Aufrüsten zu beobachten. Vom parlamentarischen Hinterbänkler bis zu Staatschefs von EU-Mitgliedsstaaten - immer wieder werden Aussagen in die Welt entlassen, die wie Brandbeschleuniger für fremdenfeindliches Feuer wirken können. Das muss nicht mal der platte Rassismus aus dem Mund eines Viktor Orban oder Milos Zeman sein. Für manche Hohlköpfe reicht schon viel weniger, um selbst zur Tat zu schreiten. Und deshalb sollte jeder Demokrat seine Worte stets sorgsam wählen - das gilt auch in Wahlkampfzeiten und bei sinkendenUmfragewerten.

von Michael Agricola

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