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Gefährliche Alleingänge

Syrien Gefährliche Alleingänge

Dass in Paris und London in militärischer Hinsicht anders gedacht wird als etwa in Berlin, ist nicht neu.

Es war denn wohl auch nur eine Frage der Zeit, bis Briten und Franzosen der syrischen Opposition Waffenhilfe anbieten würden - in der Annahme, die so gestärkten Assad-Gegner könnten das Regime in Damaskus noch schneller endgültig in die Knie zwingen und der Zivilbevölkerung damit noch mehr Leid ersparen. Skepsis an dieser Theorie ist in mehrfacher Hinsicht angebracht, und die Außenminister der EU-Partner sind gut damit beraten, den Amtskollegen Laurent Fabius und William Hague ihren Alleingang auszureden.

Denn was geschieht, wenn die syrische Opposition von Großbritannien und Frankreich aufgerüstet wird? Nun, zunächst einmal würden die Kampfhandlungen auf syrischem Boden noch einmal an Intensität gewinnen, was die Zahl ziviler Opfer eher noch erhöhen dürfte. Weil die syrische Bevölkerung das weiß, würden noch mehr Menschen in einer solchen Situation außer Landes fliehen und in den umliegenden Staaten Schutz suchen. Doch damit nicht genug: Assad kann sich vermutlich weiter auf Schützenhilfe aus Moskau und Teheran verlassen, und auch wenn dem Machthaber täglich hunderte von Soldaten davonlaufen, ist er längst noch nicht so geschwächt, dass er sofort die weiße Fahne schwenken müsste. Auch die libanesische Hisbollah, die sich schon jetzt Dauerscharmützel mit den Assad-Gegnern liefert, dürfte auf britisch-französische Waffenlieferungen eher offensiv reagieren, als dass sich die Schiitenmiliz zitternd hinter ihre eigenen Linien zurückzöge. Nicht gänzlich aus der Luft gegriffen ist auch die Befürchtung, islamistische Kräfte innerhalb der syrischen Opposition könnten sich im frisch gelieferten Waffenarsenal bedienen, um damit Terroranschläge zu verüben.

Im günstigsten Fall war das Vorpreschen von Hague und Fabius nur eine Drohgebärde, die Europas Entscheidungsträger an den Konferenztisch zwingen soll. Im ungünstigsten Fall beladen London und Paris bereits ihre Militärfrachter mit jenen Luftabwehrraketen und panzerbrechenden Waffen, die der designierte Chef der syrischen Übergangsregierung, Osama al-Kadi, auf seinen Wunschzettel geschrieben hat.

Waffenhilfe für die Oppositionsbewegung in einem Unrechtsregime wie Syrien ist der aberwitzige Versuch, sich militärisch einzumischen, obwohl man sich gleichzeitig militärisch herauszuhalten versucht. Mit harter und entschiedener Hand so konsequent und schnell wie möglich gegen Assad selbst und seine Verbündeten vorzugehen, wäre der weitaus größere Solidaritätsbeweis, den Europa der syrischen Opposition und der leidenden Zivilbevölkerung erweisen könnte.

von Carsten Beckmann

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