Volltextsuche über das Angebot:

18 ° / 10 ° wolkig

Navigation:
Festhalten am Vorsorgeprinzip

Glyphosat Festhalten am Vorsorgeprinzip

Essen Sie gern selbst gesammelte Pilze? Klar, aber nur die, die Sie wirklich kennen. Hechten Sie gern mit einem "Seemanns-Köpper" ins erfrischende Badegewässer? Sicher, vorausgesetzt, Sie kennen die Wassertiefe der entsprechenden Stelle. Sie sind ein vernünftiger Mensch, meiden Risiken, handeln nach dem Vorsorgeprinzip.

Dieses Prinzip steht in den Verhandlungen über die weitere Zulassung des Unkrautvernichters Glyphosat zur Disposition. Gestern konnte sich offenbar keine ausreichend stabile Mehrheit der europäischen Staaten zu einem eindeutigen Ja oder Nein durchringen, als es darum ging, über eine Verlängerung der Zulassung des Glyphosateinsatzes in der EU zu befinden. Große Agrarproduzenten wie Deutschland, Frankreich, Italien oder Griechenland zogen es vor, sich bei der Abstimmung zu enthalten. Die Thematik wird nun an eine höhere Ebene weitergereicht, spätestens am Ende des Monats müsste in letzter Instanz die EU-Kommission entscheiden.

Die deutsche Position, keine Position einzunehmen, ist in erster Linie das Ergebnis großkoalitionärer Zwistigkeiten in der Frage, wie gefährlich Glyphosat ist. Während die Union den ökonomischen Nutzen des Unkrautmittels für wichtiger erachtet als etwaige gesundheitliche Risiken, ist die SPD bisher strikt gegen den weiteren Einsatz jenes Mittels, das derzeit auf rund 40 Prozent aller deutschen Anbauflächen zum Einsatz kommt.

Es gibt verlässliche Projektionen darüber, mit welchen Ertragsrückgängen die Landwirte konfrontiert würden, müssten sie von heute auf morgen auf Glyphosat verzichten: Die Rede ist von EU-weit 14,5 Millionen Tonnen jährlich - unter rein wirtschaftlichen Gesichtspunkten eine Katastrophe. Seit sich Monsanto Anfang der 70er Jahre das Mittel patentieren ließ, wurde immer wieder untersucht, wie weit sich Glyphosatrückstände im Urin oder Muttermilch nachweisen lassen. Auch Fragen der Kausalität zwischen Glyphosateinsatz und Tumorerkrankungen sind immer noch nicht abschließend bewertet.

Sich so lange wie möglich aus bloßer Sorge um den Koalitionsfrieden um eine Entscheidung drücken zu wollen, zeugt erstens nicht von souveräner Regierungsarbeit und ist zweitens kurzfristig gedacht: Entscheidet nämlich die Kommission gegen den weiteren Einsatz von Glyphosat, muss die Bundesregierung ohnehin Brüsseler Direktiven umsetzen. Geradliniger wäre es, jetzt den Einsatz des Mittels so lange zu untersagen, bis letzte Zweifel an der Verträglichkeit ausgeräumt sind. Etwaige Ernteeinbußen zu kompensieren ist allemal besser, als sich vom Vorsorgeprinzip zu verabschieden und damit das Vertrauen der Menschen in die Politik weiter zu erschüttern.

von Carsten Beckmann

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Der politische Kommentar