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Europa lässt die Griechen ertrinken

Schuldenkrise Europa lässt die Griechen ertrinken

Was tut man, wenn man jemanden ertrinken sieht? Man zieht ihn aus dem Wasser oder wirft ihm einen Rettungsring zu. Wenn ein EU-Staat ertrinkt, reagieren die Euro-Finanzminister anders: Sie setzen ihm die Pistole auf die Brust.

„Macht doch die eine oder andere Maßnahme. Geht doch in euer Parlament und: Just do it“, fordert Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble von der gegen die Staatspleite kämpfenden griechischen Regierung.

Doch Maßnahmen von der Art, wie Schäuble sie fordert, haben das Land in den vergangenen Jahren noch tiefer in den Abwärtsstrudel gebracht. Jeder zweite Jugendliche ist arbeitslos, die Rente der Großeltern dient häufig als Familieneinkommen, die Wirtschaft schrumpft, die Selbstmordrate steigt. Die Schließung der Banken schnürt nun der griechischen Wirtschaft den Hals zu: Das Bargeld wird knapp, Geschäfte mit dem Ausland sind stark eingeschränkt. Kommt nicht rasch Hilfe, wird dieses Land völlig ins Chaos stürzen.

Griechenland kann sich nicht am eigenen Schopf aus dem Wasser ziehen. Zwar bestreitet nicht einmal die Regierung von Alexis Tsipras, dass vieles im Land reformbedürftig ist - zum Beispiel die Steuerfahndung und das Rentensystem. Doch Privatisierungen, Rentenkürzungen und Entlassungen werden das Elend verstärken, ohne den riesigen Schuldenberg abzutragen. Selbst Christine Lagarde, Chefin des Internationalen Währungsfonds, hält deshalb eine Umschuldung für nötig. Das große Europa könnte sie sich auch leisten.

An manchen Stammtischen in Deutschland sieht man das anders. Aus einer Mischung von rassistischen Ressentiments und wilhelminischer Besserwisserei glauben viele, man müsse es den Griechen einmal so richtig zeigen. Doch darf man die Jugend dafür bestrafen, dass der Staat jahrzehntelang zu viel ausgegeben hat? Kann man Normalbürger dafür verantwortlich machen, dass frühere griechische Regierungen Statistiken geschönt haben? Wenn ja, dann wären wir Deutschen auch an allem persönlich schuld, was unser Land getan hat.

Was steckt hinter der europäischen Hartleibigkeit? Anscheinend wollen die Partner an Griechenland ein Exempel statuieren. Es soll in Europa keine Alternative zur Sparpolitik nach dem Rezept von Kanzlerin Angela Merkel geben. Sonst könnten die unter Kürzungen leidenden Menschen in Südeuropa und im Baltikum die Griechen zum Vorbild nehmen. Merkel und Co. erscheint da eine Staatspleite als geringeres Übel.

„Scheitert der Euro, scheitert Europa“, hat Merkel einmal gesagt. Wenn Griechenland ertrinkt, wird zwar nicht der Euro untergehen - aber der europäische Gedanke. Denn ohne Solidarität kann es kein vereintes Europa geben.

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