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Es geht nicht um Benehmen

Griechenland Es geht nicht um Benehmen

Mutter hätte das nicht gewollt. Man steckt das Hemd in die Hose, wenn man zu wichtigen Terminen fährt. Man zieht eine Krawatte an. Und eines sollte man nie, nie, nie machen: Irgendjemandem den Stinkefinger zeigen.

Bestimmt hätte das auch der griechische Finanzminister Giannis Varoufakis von seiner Mutter lernen können, wenn er ihr nur zugehört hätte.

Ja, Varoufakis ist nicht der Liebling aller Schwiegermütter. Viele empfinden sein Verhalten als rüpelhaft. Man kann sich über all dies mokieren - aber lassen wir die Kirche im Dorf: Um gutes Benehmen geht es nicht in der europäischen Politik. Es geht um viel mehr: Darum, wie die europäischen Partner einen Ausweg aus dem griechischen Schuldendrama finden. Darum, wie Griechenland wirtschaftlich auf die Beine kommt und auch die sozial Schwachen im Land in Würde leben können. Darum, wie man Schaden von der Eurozone abwendet und die europäische Einigung voranbringt.

Auf den ersten Blick scheint es, als erweise vor allem Athen diesen Anliegen mit unsäglichen Provokationen einen Bärendienst. Bei genauerem Hinsehen ist dieser Eindruck aber unhaltbar: Die obszöne Geste des Herrn Varoufakis ist schon fast zwei Jahre alt und wurde von einer deutschen Fernsehredaktion aus dem Zusammenhang gerissen. Die Aussage des griechischen Verteidigungsministers Panos Kammenos, dass Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble in eine Parteispendenaffäre verwickelt war, ist schlicht zutreffend. Und die Forderung der Regierung von Alexis Tsipras nach Reparationszahlungen finden deutsche Experten nachvollziehbar. Das Athener Auftrumpfen mag strategisch unklug sein, psychologisch ist es verständlich: Griechenland hat riesige Probleme - und Tsipras und Co. wollen ihren Wählern zeigen, dass sie hart für die Interessen des Landes kämpfen.

Die Bundesregierung hätte es hingegen nicht nötig, Muskeln zu zeigen. Unverständlich ist daher, warum Finanzminister Schäuble jetzt zusätzlich Öl ins Feuer gießt. „Sie haben alles Vertrauen zerstört“, wirft er der Athener Regierung vor. Zugleich warnt er vor einem unfallartigen Euro-Austritt Griechenlands. Dahinter steckt eine Drohung: Die Euro-Partner könnten einen Rauswurf wie einen Unfall aussehen lassen.

EU-Ratspräsident Donald Tusk hat recht: Ein solcher „Unfall“ wäre eine Katastrophe. Katastrophal ist aber auch, wie Medien und Politiker in Europa Ressentiments schüren. Hoffentlich ändert sich das Klima durch Tsipras‘ geplante Berlin-Reise. Wir Europäer müssen wieder lernen, miteinander zu reden, einander zuzuhören und einander zu verstehen. Wir sollten nicht mit Fingern aufeinander deuten. Denn: Das hätte Mutter auch nicht gewollt.

von Stefan Dietrich

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