Volltextsuche über das Angebot:

17 ° / 8 ° Regenschauer

Navigation:
Eine Provokation jagt die andere

Beutekunst Eine Provokation jagt die andere

Der Rubel rollt erstaunlich schnell: Das jährliche Handelsvolumen zwischen Deutschland und Russland beträgt zurzeit etwa 80 Milliarden Euro.

Angesichts dieser enormen Größenordnung scheint der Kreml fest darauf zu vertrauen, dass die Berliner über jedes Stöckchen springen, das man ihnen hinhält.

Ausgerechnet im sogenannten Deutschland-Jahr in Russland, das zur Hochzeit des binationalen Kulturaustausches werden sollte, jagt eine Provokation die andere: Zunächst wurden die Mitarbeiter der deutschen Stiftungen in Moskau wie potenzielle Kriminelle behandelt. Als „mögliche“ ausländische Agenten hatten sie sich gegenüber Staatsanwaltschaft und Steuerpolizei zu rechtfertigen. Ihre regelmäßigen Seminare über Demokratie, Pressefreiheit und Rechtsstaatlichkeit, die seit zwei Jahrzehnten in russischen Metropolen stattfinden, sind der Staatsführung offensichtlich ein Dorn im Auge.

Am Freitag folgte der nächste Streich: Angela Merkel sollte sich die umstrittene Beutekunst vorführen lassen, ohne ein Wort zur Ausstellungseröffnung sagen zu dürfen. Der Rundgang der Kanzlerin durch die Eremitage sollte das eigentümliche russische Rechtsverständnis zu den Besitzverhältnissen der wertvollen deutschen Kulturgüter quasi stillschweigend legitimieren. Ein offener Austausch der Argumente war nicht gewünscht - schon gar nicht, wenn die breite russische Öffentlichkeit zuhört. Das zeugt von Putinscher Denkart.

Sicherlich: Angesichts der deutschen Kriegsschuld und des massenhaften Zerstörens russischer Nationalheilig­tümer durch die Wehrmacht verbieten sich einfache Antworten. Auf die Schnelle lässt sich der Streit nicht lösen: Die Bundesregierung pocht auf das Völkerrecht, das den Raub von Kulturgütern strikt verbietet. Und die Russen sprechen von „Trophäenkunst“, die mit dem Blut sowjetischer Soldaten bezahlt worden sei.

Glücklicherweise zeigte Merkels Drohung, ihren Besuch in St. Petersburg vorzeitig abzubrechen, am Freitagabend Wirkung: Im letzten Moment erkannte offenbar auch der Kremlherr, dass sich emotional so aufgeladene Debatten nicht mit billigen Tricks lösen lassen - ganz gleich, ob der Rubel schnell oder langsam rollt.

von Stefan Koch

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Der politische Kommentar