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Eine Insel der Glückseligen?

Pressefreiheit Eine Insel der Glückseligen?

An welchem Punkt beginnt die Einschränkung von Presse­freiheit? Vielleicht ja bereits dort, wo die Seriosität journalistischer Arbeit pauschal in Zweifel gezogen wird.

An diesem Punkt sind wir bekanntermaßen auch in Deutschland angelangt, und das mag aus der Sicht von Medienkonsumenten sogar ein wenig nachvollziehbar sein: Zwischen Nachricht und Falschmeldung, News und Fake News unterscheiden zu können, wird immer schwieriger, unter dem „Lügenpresse“-Generalverdacht steht folglich so ziemlich jeder Journalist.

Allein: Im Gegensatz zur beruflichen Situation der Kolleginnen und Kollegen in vielen anderen Ländern der Erde ist es in der Bundesrepublik unvorstellbar, dass ein Journalist um sein Leben oder seine Freiheit fürchten muss, weil er seine Arbeit konsequent und gewissenhaft erledigt. Das macht Deutschland beileibe nicht zur Insel der Glückseligen - auch hierzulande sind Journalistinnen und Journalisten Versuchen von Einflussnahme, Gängelung und Einschüchterung ausgesetzt, Anfeindungen oder Drohungen. Das hat in irgendeiner Ausprägung so ziemlich jeder Journalist schon erlebt und entscheiden müssen, ob er seinen Beruf weiter ausübt.

Eine anstrengende Haltung. Eine, die die Existenz kosten oder im Extremfall tödlich sein kann. Davon wissen Journalisten wie etwa Roberto Saviano ein trauriges Lied zu singen. Der Italiener, der die Machenschaften des organisierten Verbrechens in seinem Land aufdeckte („Gomorrha“), lebt seit Jahren versteckt an ständig wechselnden Orten und erhält Personenschutz. Oder aber der in der Türkei inhaftierte „Welt“-Korrespondent Deniz Yücel: ein Opfer staatlicher Willkür.

Kollegen wie Saviano oder Yücel sind keine selbsternannten Helden oder Märtyrer. Sie haben sich schlicht der professionellen Suche nach der Wahrheit verschrieben - und genau diese Motivation dürften sie mit so ziemlich jedem engagierten Lokaljournalisten teilen. Nie war diese Aufgabe schwieriger zu bewältigen als in der aufge­heizten News-Blase, in der Medienmacher wie Mediennutzer gleichermaßen stecken. Der alte Flaps-Spruch „Bild sprach zuerst mit dem Toten“ muss heute umformuliert werden: Alle sprachen zuerst mit dem Toten, die sozialen Netzwerke waren schneller und lauter, und am Ende war der Tote gar nicht tot. Turbojournalismus in Echtzeit gilt als Gebot der Stunde, aber bitte sauber recherchiert und möglichst zum Nulltarif.

Doch am internationalen Tag der Pressefreiheit allein über diese Anspruchshaltung der eigenen Kundschaft lamentieren zu wollen, ginge weit am Thema vorbei. Heute gilt es, laut und bestimmt für weltweite, uneingeschränkte Presse- und Meinungsfreiheit einzutreten. Free Deniz!

von Carsten Beckmann

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