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Ein riskantes Spiel auf Zeit

Wahlkampf Ein riskantes Spiel auf Zeit

Noch einmal ein eher unverbindlicher Stimmungstest? Oder doch eher die Generalprobe? Oder zumindest die Generalprobe der General­probe? Am Sonntag wird in Schleswig-Holstein der neue Landtag gewählt, eine Woche später in Nordrhein-Westfalen, und in der SPD zittern sie schon ein bisschen: Ob der Schulz-Effekt die Nord-Genossen so beflügeln kann, dass sie nicht von der CDU abgehängt werden, ist fraglich.

Ja, vielleicht kann die SPD an diesem Wochenende noch darauf setzen, dass die Menschen zwischen Flensburg und Lübeck mit dem CDU-Nobody Daniel Günther nicht viel anfangen können und die Unentschlossenen letzten Endes an der Urne doch noch für Albig, Stegner und Co. votieren.

Doch spätestens eine Woche darauf wird’s wirklich ernst, wenn im Schulz-Land NRW die Wahllokale öffnen. Amtsinhaberin Hannelore Kraft und ihrem Widersacher Armin Laschet wurde ja bereits angedichtet, dass beide sich gut mit einer großen Koalition in Düsseldorf arrangieren könnten - autsch! Gar nicht gut für die Schulz-Kampagne, die ja eigentlich auf eine Abgrenzung zur bürgerlichen Mitte und die Rückbesinnung auf die guten, alten sozialdemokratischen Werte setzen soll.

Ob aus dieser ideologischen Konfliktlage bis in den September hinein ein eleganter Balanceakt wird oder ein eher unbeholfener Eiertanz, liegt weitgehend in der Hand des Merkel-Herausforderers selbst - auch wenn die Linke bereits in forscher Selbstüberschätzung diese Rechnung aufmacht: Je stärker wir sind, umso radikaler muss Schulz an den Start gehen. Der sicherlich wahre Bestandteil dieser These: Schulz muss tatsächlich wesentlich mehr Profil zeigen. Allein schon deshalb, weil der euphorisch bejubelte Höhenflug des SPD-Erneuerers seit seiner Kür zum Spitzenkandidaten gerade mal die ersten 100 Tage anhielt, bevor die Thermik riss und er mitsamt seiner Partei von der unbarmherzigen Realität der Sonntagsfragen eingeholt wurde. Jetzt trotzdem erst einmal auf die Ergebnisse der beiden Landtagswahlen zu schielen, um sich dann strategisch auszu­richten, ist ein riskantes Spiel auf Zeit, das sich gerade die SPD nicht leisten kann.

von Carsten Beckmann

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Von Redakteur Carsten Beckmann