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Ein neuer, diffuser Terror

Axt-Angriff Ein neuer, diffuser Terror

Niemand hatte dem 17-Jährigen aus Afghanistan eine derartige Bluttat zugetraut. Kein Betreuer, kein Psychologe, auch nicht seine Pflegeeltern in Bayern. Der Junge galt als gut integrierbar, hatte eine Bäckerlehre in Aussicht.

In der Nacht zum Dienstag aber ergriff dieser junge Mann eine Axt, erhob sie in einem Regionalzug gegen Fremde - blutend sanken vier Touristen aus Hongkong nieder.

Was ist das: Terror? Oder der Amoklauf eines psychisch Gestörten? Mehr denn je zerfließen die Grenzen. Auch bei dem Attentäter von Nizza mischten sich die Motive. Es gab eine Identitätskrise, psychische Probleme. Eine Radikalisierung im Sinne des Islams fand erst sehr spät statt. Früher trank er Alkohol, aber makabrerweise wurde alles schlimmer, als er damit aufhörte, sich einen Bart wachsen ließ - und seinen Freunden erklärte, dies alles habe eine religiöse Bedeutung.

Wie lange dauerte bei dem 17-Jährigen aus Würzburg die Radikalisierung? Stolz verbreitete die Terrormiliz IS ein Video, in dem der junge Mann sich als „Soldat des Kalifats“ vorstellt und ankündigt: „Ich werde eine Märtyrer-Attacke in Deutschland ausführen.“

Ein neuer, diffuser Terror beginnt, der sich gern auch vereinzelter Minderjähriger bedient - und dem es egal ist, wer am Ende getroffen wird. Die Angst der modernen Gesellschaften soll wachsen, dazu sind kleine und große Bluttaten aller Art willkommen.

Der RAF-Terror der 70er-Jahre wandte sich noch direkt gegen Vertreter der verhassten Politik und der Wirtschaft. Der Al-Kaida-Terror, der 2001 schon zum Massenmord überging, war immerhin noch geleitet von systematischen Überlegungen: Der Angriff aufs World Trade Center galt dem Welthandel, der Angriff aufs Pentagon zielte auf die militärische Macht der USA. Welches Signal aber soll davon ausgehen, wenn ein 17 Jahre alter Flüchtling in bayerischen Regionalbahnen auf asiatische Touristen losgeht?

Die Gegenstrategie besteht nicht allein aus Polizeiarbeit. Es geht darum, jungen Leuten die Hand zu reichen, ihnen eine Richtung zu weisen, bevor der Islamische Staat dies tut. Eine handgemalte IS-Flagge darf von niemandem ignoriert werden. Sie kann ein Hilfe- oder Warnruf sein, auf jeden Fall schreit dieses Stück Stoff laut genug. Allzu oft ist hinterher alles klar, aber vorher ist nichts passiert. 289 Menschen gaben der letzten Twitter-Nachricht des Polizistenmörders Gavin Long ein Herzchen: „Nur weil du jeden Morgen aufwachst, lebst du nicht. Nur weil du deine sterbliche Hülle abwirfst, bist du nicht tot.“ Dann zog Long los, um in Baton Rouge, Louisiana, auf Polizisten zu schießen und drei von ihnen zu töten. Alles war vorab sichtbar: sein Hass, seine Vereinzelung, sein Weg zum Wahnsinn. Aber niemand hat etwas getan.

von Jan Sternberg

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