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Ein Weg aus der Auto-Falle

Umweltschutz Ein Weg aus der Auto-Falle

Wenn das Wörtchen "wenn" nicht wäre - dann würden wir alle viel umweltfreundlicher leben. Zwei Drittel der deutschen Autofahrer würden laut einer Studie des Bundesumweltministeriums gerne mehr Rad fahren, drei Viertel könnten sich vorstellen, öfter zu Fuß zu gehen, etwa die Hälfte wäre bereit, häufiger öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen.

Das Auto ist offenbar nicht mehr der Deutschen liebstes Kind. Jedenfalls theoretisch. In der Praxis nutzen es laut der Studie 70 Prozent der Befragten mehrmals wöchentlich oder täglich.

Für diese Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit gibt es mindestens drei Gründe. Erstens genießt Umweltschutz in der Gesellschaft einen hohen Stellenwert - aufgrund dieser „sozialen Erwünschtheit“ outet sich kaum jemand gerne als hemmungsloser Umweltverschmutzer. Zweitens hat das Auto einen starken Verbündeten - unseren inneren Schweinehund, der verhindert, dass wir unseren guten Vorsätzen folgend zu Fuß gehen oder Rad fahren.

Drittens aber führen uns viele Alltagshelfer schneller in eine gewisse Abhängigkeit, als wir uns eingestehen. Wer sich ein Auto anschafft, nutzt es öfter als zunächst geplant - schon allein, weil die Grundkosten wie Kaufpreis und Steuer ohnehin bezahlt werden müssen. Indem das Auto Möglichkeiten schafft - zum Beispiel weit entfernt von Arbeitsstelle und Einkaufsmöglichkeiten zu wohnen -, macht es sich selbst unentbehrlich. Und wenn fast alle ein Fahrzeug haben, wird es gleichsam zur gesellschaftlichen Notwendigkeit, sich mit Motorkraft fortbewegen zu können.

Diese Auto-Abhängigkeit sehen inzwischen laut Umfrage 91 Prozent der Bürger kritisch. Umweltministerin Barbara Hendricks spricht deshalb von einem „Bewusstseinswandel“. Doch der allein reicht eben nicht. Die Politik muss den Bürgern helfen, sich aus der Auto-Falle zu befreien. Die Alternativen müssen so attraktiv werden, dass das Auto seinen wichtigsten Verbündeten, den inneren Schweinehund, verliert.

Dazu muss der öffentliche Nahverkehr bis ins entlegenste Dorf ausgebaut werden - und er muss günstiger werden. Aus gutem Grund fahren sehr viele Studierende mit dem Bus - weil sie ihr Semesterticket ohnehin bezahlen müssen. Wäre der Nahverkehr zumindest teilweise kostenlos, würden andere Bevölkerungsgruppen ähnlich handeln.

Diese Vision ist nicht so utopisch und unfinanzierbar, wie sie erscheint - das zeigt ein Blick ins Ausland. Beispielsweise haben Melbourne und andere australische Städte Zonen eingerichtet, in denen Fahrten mit der Straßenbahn gratis sind. In Deutschland sollte der Bund den Kommunen Geld für solche kreativen Lösungen geben - als Beitrag zur deutschen Klimapolitik.

von Stefan Dietrich

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