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Ein Urteil mit Symbolkraft

Auschwitz-Prozess Ein Urteil mit Symbolkraft

Mit dem Urteil gegen den früheren SS-Mann Oskar Gröning hat das Landgericht Lüneburg wirklich Rechtsgeschichte geschrieben, wie es Nebenkläger-Anwalt Thomas Walther formuliert.

Als „gerecht“ kann man zwar die vierjährige Haftstrafe kaum bezeichnen - denn wie sollte man die Beihilfe zu einem derart unfassbaren Verbrechen wie einem 300000-fachen Mord gerecht bestrafen?

Doch auf das konkrete Strafmaß kam es nicht an. „Es geht mir nicht um die Strafe, es geht mir um die Stellungnahme der Gesellschaft“, sagt die Auschwitz-Überlebende Eva Pusztai-Fahidi. Sie und andere Nebenkläger sind als junge Menschen im Konzentrationslager knapp dem Tod entronnen, haben ihre Familien verloren, werden immer mit den schrecklichen Erinnerungen leben müssen. Mit dem Urteil gegen den „Buchhalter von Auschwitz“ zeigt die deutsche Justiz, dass sie nicht ad acta legt, was ihnen angetan wurde. Dabei befinden Gerichte nicht darüber, ob man nach so vielen Jahren den Tätern verzeihen sollte. Das muss jedes Opfer für sich entscheiden.

Man konnte trotzdem Unbehagen empfinden, wenn man den Angeklagten im Gerichtssaal sah: Ein 94-Jähriger, der zu schwach war, sich zur Urteilsverkündung zu erheben. Oskar Gröning löst eher Mitleid als Hass aus. Darf ein Richter einen Mann in diesem Alter noch verurteilen? Ja - jedenfalls, wenn der Angeklagte verhandlungsfähig ist. Mord verjährt nicht. Das gilt auch, wenn sich der Beschuldigte in den folgenden Jahrzehnten nichts hat zuschulden kommen lassen - wie viele Nazi-Verbrecher nach 1945.

Es ist kein Skandal, dass die Justiz heute gegen klapprige Greise ermittelt. Der Skandal besteht vielmehr darin, dass Menschen, die vor 70 Jahren am organisierten Massenmord beteiligt waren, jahrzehntelang nicht mit Strafverfolgung rechnen mussten. „In der Justiz lebe ich wie im Exil“, soll der frühere hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer gesagt haben. In den 1950er- und 1960er-Jahren war er bei der konsequenten Verfolgung von Nazi-Verbrechen fast allein auf weiter Flur. Viele Richter und Staatsanwälte hatten eine NS-Vergangenheit. Und weil ein Nazi dem anderen kein Auge aushackt, wurden KZ-Mitarbeiter fast nie angeklagt - mit dem Argument, ihnen sei eine unmittelbare Beteiligung an einzelnen Morden nicht nachzuweisen.

„In Auschwitz durfte man nicht mitmachen“, stellt Richter Franz Kompisch nun klar. Weil die Nazi-Mordmaschinerie nur dank vieler Helfer funktionierte, ist jeder von ihnen mitverantwortlich. Dieser Verantwortung muss sich auch ein 94-Jähriger noch stellen. Wahrscheinlich wird Gröning angesichts seines Gesundheitszustandes nicht ins Gefängnis müssen. Das Urteil ist dennoch historisch.

von Stefan Dietrich

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