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Ein Sturm ins Ungewisse

Jemen Ein Sturm ins Ungewisse

Mit ihren Bombardements im Nachbarland schicken die Saudis den Ölpreis auf eine Achterbahnfahrt. Die Aktienmärkte zeigen sich nervös, und weltweit wächst die Sorge, dass sich die bisherigen Scharmützel zu einem großen Konflikt auswachsen könnten.

Im Jemen spielt sich ein Drama ab, dessen Folgen weit über die Arabische Halbinsel hinaus spürbar sind.

An dem kargen Küstenstreifen treffen mittlerweile so viele Allianzen und Rivalitäten aufeinander, dass sich kaum mehr von einer Frontlinie sprechen lässt. Es ist ein ganzes Wirrwarr an Streitigkeiten zu beobachten: Stämme, die sich seit Jahrzehnten benachteiligt fühlen, begehren auf; ausländische Terrorbanden empfehlen sich als lokale Ordnungshüter; junge Menschen ohne Aussicht auf einen vernünftigen Job protestieren und treffen auf starre und korrupte Machtstrukturen. Unter dem Deckmantel religiöser Spannungen zwischen Sunniten und Schiiten tobt ein brutaler Verteilungskampf.

Nur vor dem Hintergrund dieses ausufernden Chaos lässt sich verstehen, wie es im Jemen zu einem Stellvertreterkrieg zwischen den Regionalmächten Saudi-Arabien und Iran kommen konnte. Mit dem schleichenden Rückzug der bisherigen Ordnungsmacht Amerika brechen sich Konflikte Bahn, die über lange Zeit schwelten.

Die Invasion der Saudis gegen die Huthi-Rebellen ist letztlich einem wachsenden Machtvakuum geschuldet: Das Königreich, das die gesamte arabische Halbinsel als seine Einflusszone betrachtet, fühlt sich durch die schiitischen Perser und ihre Handlanger herausgefordert. Trotz der internationalen Sanktionen ist es Teheran gelungen, seinen Einfluss auf Bagdad, Damaskus und Beirut auszudehnen. Die saudische Luftwaffe und Armee wollen nun verhindern, dass sich die Iraner dauerhaft in einer vierten Hauptstadt festsetzen.

Zu den Unübersichtlichkeiten gehört auch, dass sich Amerika Schritt für Schritt aus der Krisenregion zurückzieht. Zugleich sucht die bisherige Schutzmacht von Riad den Ausgleich mit Teheran. In dieser Woche geht das Abkommen über das umstrittene Atomprogramm in die entscheidende Phase, und seit Monaten sind die Iraner gern gesehen, wenn es um den Kampf gegen die Terrormilizen des Islamischen Staates im Irak und in Syrien geht. Die internationale Gemeinschaft begrüßt den neuen umsichtigen Kurs in Washington - doch die Königsfamilie in Riad hält es für einen Verrat.

Für das Miteinander in der arabischen Welt sind künftig zunächst die regionalen Mächte zuständig. Ganz in diesem Sinne bezeichnen die Saudis ihre Invasion als „Sturm der Entschlossenheit“. Die Aktion könnte sich aber schnell zu einem Sturm ins Ungewisse entwickeln.

von Stefan Koch

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