Volltextsuche über das Angebot:

7 ° / 4 ° Sprühregen

Navigation:
Ein Spitzenduovor dem Spagat

Grüne Ein Spitzenduovor dem Spagat

Seit gestern ist klar, mit wem die Grünen an der Spitze in die Bundestagswahl im Herbst gehen werden. Auf den ersten Blick: alles prima. Per Urwahl wurde abgestimmt - das macht schon mal nicht jede Partei.

Eine gute Mehrheit der Mitglieder - 60 Prozent - hat sich daran beteiligt. Das ist in Ordnung. Die drei männlichen Kandidaten haben sich ein spannendes und bis zuletzt offenes Rennen geliefert. Das ist schon fast normal für die Grünen. In Katrin Göring-Eckhardt und Cem Özdemir steht nun zudem ein erfahrenes Duo für den Wahlkampf zur Verfügung. Alles richtig gemacht also?

Das kommt darauf an. Beim weiblichen Teil der zu wählenden Doppelspitze gab es keine Auswahl. Das ist enttäuschend für eine Partei, die seit ihrer Gründung wie keine andere für die Stärkung von Frauen in Spitzenpositionen steht. Und ausgerechnet für diesen Posten finden sich dann keine zwei Kandidatinnen, die sich ihren Mitgliedern stellen?

Die gewählten Spitzenkandidaten stehen beide für die bürgerliche Seite der Grünen, die sich, nimmt man die Urwahl-Ergebnisse zum Maßstab, als innerparteiliche Mehrheitsfraktion weiter gefestigt hat: 3 zu 1 bei den Kandidaten für die „Realos“. Und über 70 Prozent Zustimmung im Ergebnis. Wie die Partei­linke sich damit arrangieren kann, muss sich zeigen. Schon jetzt scheinen inhaltliche Ecken und Kanten der Partei, für die immer wieder „Fundis“ zu sorgen wussten, zunehmend abgeschliffen. Der Widerstand dagegen oder das, was außerhalb der Partei wahrnehmbar ist, ist merklich leiser geworden. Die Grünen sind - auch dank Regierungsbeteiligungen - vom radikalen Veränderer zum kompromissfähigen Mitgestalter geworden. Dass nun erstmals zwei Realos an der Wahlkampfspitze stehen, stützt diesen Eindruck. Und es scheint Bündnisse zu ermöglichen, die früher undenkbar waren.

Dass diese Aussicht Teile der Partei lähmen könnte, weiß das neue Duo - es muss also alle bei Laune halten. Auch Stammwähler, die ins Grübeln kommen. Denn was nach der Wahl mit einer Stimme für die Grünen geschieht, ist offener denn je. Özdemir und Göring-Eckhardt können und wollen keine Koalitionsaussage treffen. Das macht, auch mit Blick auf Hessen und Baden-Württemberg, erstmals schwarz-grün zur realistischen Option im Bund. Diese Auswahl zu haben, ist verlockend. Wenn man aber - auch noch nach der Wahl - glaubwürdig bleiben will, erfordert es eine inhaltliche Gratwanderung, die nicht ohne Risiko ist. Weil Wähler, die traditionell ihre Stimmen für das rot-grüne oder schwarz-gelbe Lager gesplittet haben, sich sonst diesmal ganz für die „sicherere“ Koalitions-Variante entscheiden könnten - beide Stimmen für den möglichen „großen Partner“.

von Michael Agricola

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Der politische Kommentar