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Ein Plagiat ist keine Jugendsünde

Von der Leyen Ein Plagiat ist keine Jugendsünde

Irgendetwas Verbotenes hat jeder einmal getan. Dass man dafür nach vielen Jahren zur Rechenschaft gezogen werden könnte, ist eine unangenehme Vorstellung.

„Gedenke nicht der Sünden meiner Jugend“, schrieb schon vor 3000 Jahren König David. Ursula von der Leyen, sozusagen die Kronprinzessin der CDU, wünscht sich gewiss auch, man möge der Fehler in ihrer vor 25 Jahren entstandenen Doktorarbeit nicht gedenken. Aber: Mängel in einer Dissertation sind keine Jugendsünde.

Die Verteidigungsministerin muss sich ohnehin mit einer Menge ärgerlicher Dinge herumschlagen. Zum Beispiel haben ihre Vorgänger teure, nicht funktionierende Rüstungsgüter gekauft. Zum Ärger im Ministerium kommen nun die Plagiatsjäger. „Sie war extrem faul und hat gnadenlos kopiert“, urteilt VroniPlag-Gründer Martin Heidingsfelder über von der Leyens Dissertation. Das klingt wie ein Menetekel. Schließlich musste ihr Vor-Vorgänger Karl-Theodor zu Guttenberg wegen Plagiaten vom Ministeramt zurücktreten.

Droht Ursula von der Leyen nun das gleiche Schicksal? Nicht zwingend. Auch Außenminister Frank-Walter Steinmeier war vor zwei Jahren mit einem Plagiatsverdacht konfrontiert. Doch die Universität Gießen bescheinigte ihm nach Prüfung seiner Doktorarbeit, es liege weder eine Täuschungsabsicht noch wissenschaftliches Fehlverhalten vor. Für Ursula von der Leyen hängt also alles davon ab, zu welchem Ergebnis die Experten der Medizinischen Hochschule Hannover kommen.

Sollte die Ministerin aber abgeschrieben haben, wäre dies ein Rücktrittsgrund. Denn bewusste Fehler in einer Doktorarbeit sind kein harmloser Schülerstreich. Erstens, weil man von einem Doktoranden eine gewisse charakterliche Reife erwarten darf. Zweitens, weil eine fehlerhafte wissenschaftliche Arbeit - gerade im Fach Medizin - anderen Schaden zufügen kann. Drittens, weil niemand gezwungen ist, eine Doktorarbeit abzugeben - im Gegensatz zum Vokabeltest in der Schule.

Wer einen akademischen Titel erwirbt, will die Fähigkeit zu wissenschaftlichem Arbeiten unter Beweis stellen. Die Promotion verbessert Karrierechancen und - gerade bei Politikern - Prestige. Dafür nehmen Doktoranden oft jahrelange harte Arbeit und Entbehrungen auf sich. Die Gerechtigkeit gegenüber ehrlichen Wissenschaftlern verbietet, dass man bei Schummlern ein Auge zudrückt.

Politiker müssen eher als Normalbürger damit rechnen, dass ihre Doktorarbeiten nach Jahren noch überprüft werden. Und sie müssen eher befürchten, deswegen ihren Job zu verlieren. Das ist hart, aber gerecht. Wer eine herausragende Position einnimmt, muss auch höchsten Ansprüchen an seine Glaubwürdigkeit genügen.

von Stefan Dietrich

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