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Ein Hauch von Vernunft

Burkini-Streit Ein Hauch von Vernunft

Der Staatsrat hat einen Hauch von Vernunft in die irrsinnige französische Wahlkampfdebatte um den Umgang mit Muslimen gebracht. Das Gericht sieht keinen Beleg dafür, dass Ganzkörper-Badeanzüge die öffentliche Ordnung gefährden.

Auch die Verunsicherung nach den Terroranschlägen sei keine ausreichende Begründung für ein Burkini-Verbot, wie es in Villeneuve-Loubet und rund 30 anderen Orten am Mittelmeer galt. Mit dem Urteil des Staatsrates gilt in Frankreich wieder eine Selbstverständlichkeit: Dass Badegäste selbst entscheiden können, wie sie sich kleiden.

Zweifellos: Ein Burkini befremdet viele Europäer. Mancher sieht ihn als Symbol für die Unterdrückung von Frauen. Tatsächlich mag es sein, dass sich viele auf Druck ihrer Familien derart verhüllen. Doch ein Burkini-Verbot stärkt weder die Freiheit dieser Frauen, noch drängt es den radikalen Islam zurück. Es führt - sofern keine andere Lösung gefunden wird - nur dazu, dass Mädchen und Frauen aus erzkonservativ-muslimischen Familien nicht schwimmen lernen.

Das Badeverbot französischer Gemeinden ist aber noch aus einem anderen Grund fatal. Es galt Personen, die keine „korrekte Kleidung tragen, die den guten Sitten und dem Prinzip der Laizität entspricht und Hygiene- und Sicherheitsregeln im öffentlichen Meer respektiert“. In Deutschland wäre solch eine Regelung schon deshalb schwer denkbar, weil hier der Umgang mit dem Glauben in der Öffentlichkeit lockerer ist, während in Frankreich Religion und Staat strikt getrennt sind. Doch auch in der französischen Tradition ist das Burkini-Verbot überzogen. Denn der Strand ist keine Behörde. Ein schmal geschnittener Bikini ist hier genauso wenig ein Bekenntnis zur Demokratie wie ein Kopftuch dagegen. Wenn jedoch Frauen meinen, aus religiösen Gründen ein Kopftuch tragen zu müssen, dann schließt sie eine solche Regelung aus. Das Verbot richtete sich daher gezielt gegen Musliminnen.

Auf diese Weise zieht man tiefe Gräben durch die Gesellschaft eines Einwanderungslandes. Das ist brandgefährlich, denn es wäre im Gegenteil nötig, Gräben zu überbrücken, um radikalen Islamisten den Boden zu entziehen. Aber dieser Hauch von Vernunft fehlt den Wahlkämpfern.

von Stefan Dietrich

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