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Ein Filter für das Grundrauschen

Terror Ein Filter für das Grundrauschen

"Grundrauschen", das haben wir als fleißige Terror-Sondersendungszuschauer in den vergangenen Tagen gelernt, ist ein Durcheinander aus Hinweisen, Tipps, falschen Fährten und sonstigen Bewegungen und Spuren in den von Geheimdiensten beobachteten Gefährder-Szenen.

Die Kunst der Ermittler ist, daraus den entscheidenden Hinweis herauszufiltern und dann auch noch rechtzeitig und richtig zu reagieren.

Ein ziemlich lautes Grundrauschen ist im übertragenen Sinn auch das, was in der politischen Landschaft in Deutschland und Europa derzeit zu diesem Thema produziert wird. Da wird alarmiert und gewarnt, entwarnt, beruhigt und beunruhigt - manchmal sogar innerhalb eines Satzes. Manchmal werden belastbare und nachvollziehbare Fakten zur Begründung mitgeliefert, meist aber nicht. Das bedeutet für die Medien, aber auch für jeden Bürger, dass man selbst sein Gehör schärfen muss für die richtigen Töne in diesem rauschenden Phrasen-Mosaik.

Was zum Beispiel Landesregierungs-Chef Volker Bouffier zum Thema Weihnachtsmärkte zu sagen hatte, war ein entschiedenes „Hü-Hott“. Es sei richtig und ziemlich sicher, mit Freude auf die schönen Weihnachtsmärkte zu gehen. Man könne natürlich bei aller Fröhlichkeit auch jederzeit dort umkommen.

Angesichts der sicher notwendigen Unverbindlichkeit solcher Aussagen - eine absolute Sicherheit vor einem Anschlag gibt es nicht, gab es im übrigen auch nie - muss also jeder für sich selbst und seine Familie abwägen. Das ist auch nicht so schwer: Wer Angst vor einem Anschlag auf eine Menschenmenge hat, sollte in nächster Zeit nicht zum Fußball, ins Konzert oder auf den Weihnachtsmarkt gehen. Selbst wenn nichts passiert, hätte er keine ungetrübte Freude daran.

Wer sich stark genug fühlt, trotz gestiegenen Risikos auf seine Freiheit zu pochen und ein Signal an die Feinde dieses Lebensstils zu senden, sollte so weiterleben wie bisher. Er erweist unserer Gesellschaft damit einen wichtigen Dienst - auf eigene Gefahr.

Wachsam müssen wir alle sein, der Ängstliche wie der Mutige - nicht nur bei verdächtigem Verhalten auf der Straße oder herrenlosen Koffern. Denn es sind nicht nur Terroristen, die unsere Freiheit einschränken. Sonderrechte, für kurze Zeit unter Umständen durchaus gerechtfertigt, sind für manchen Politiker auch eine Versuchung. Das zeigt sich heute schon in Frankreich, wo sich mit der geplanten Verlängerung des Ausnahmezustands galant auch gerechtfertigter demokratischer Protest ausbremsen lässt: Wer zur Weltklimakonferenz in Paris vorhat, für oder gegen etwas zu demonstrieren, wird merken, was bis dahin von seinen Grundrechten noch übrig sein wird.

von Michael Agricola

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